Selbstmedikation mit rezeptfreien Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten

Gesundheit ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Bereits heute ist die Selbstmedikation für eine eigenverantwortliche Gesundheitsversorgung des Einzelnen und als tragende Säule des deutschen Gesundheitssystems unverzichtbar. Soll dieses unter den geopolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen weiterhin fortschrittlich, leistungsfähig, bezahlbar und auch menschlich sein, sind die heilberuflich begleitete Selbstmedikation zu stärken, eine Weiterentwicklung zu Self-Care zu fördern und diesbezüglich die Rahmenbedingen zu verbessern.

Selbstmedikation hat in einem hohen Maße eine medizinische, soziale, ökonomische und gesundheitspolitische Bedeutung. Daher spricht sich der BAH für eine aktive und gezielte Förderung von Selbstmedikation und Self-Care aus. Es ist offensichtlich, dass dies nur in einem integrativen Ansatz unter Beteiligung alle relevanten Stakeholder gelingen kann. Der BAH steht der Politik und den Stakeholdern mit seiner Expertise zu Verfügung.

Das Dokument „Gesund werden & gesund bleiben – mit Hilfe von Selbstmedikation und Self-Care“ mit ausführlichen Erläuterungen sowie dessen grafische Darstellung finden Sie unten auf dieser Seite.

Faktenblätter zum Thema Selbstmedikation finden Sie am Ende dieser Seite bzw. unter nachfolgenden Links:

[glossar] Was bedeutet Selbstmedikation? :::

Der BAH versteht unter Selbstmedikation die eigenverantwortliche Form einer Selbstbehandlung mit rezeptfreien Arzneimitteln und bestimmten anderen Gesundheitsprodukten mit dem Ziel, das gesundheitliche Wohlbefinden wiederherzustellen oder zu erhalten. Selbstmedikation kann durch die Unterstützung eines Apothekers oder Arztes optimiert werden. Nicht selten kann sie bei bestimmten Krankheiten eine Alternative für einen Arztbesuch sein oder eine heilberufliche Therapie ergänzen. Der Apotheker nimmt mit der Beratung zum rezeptfreien (OTC-)Produkt eine wichtige Lotsenfunktion wahr. Selbstmedikation ist der Ausdruck einer aktiven Beteiligung des Menschen an seinem individuellen Heilungs- und Gesunderhaltungsprozess.

Falls medizinisch sinnvoll, können Ärzte ihren Patienten rezeptfreie Arzneimittel und Gesundheitsprodukte auf einem Grünen Rezept schriftlich empfehlen. Zahlreiche Krankenkassen erstatten rezeptfreie Arzneimittel auf Grünen Rezepten im Rahmen ihrer Satzungsleistungen.

Eine umfassende Darstellung des Nutzens von Selbstmedikation für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft findet sich im BAH-Perspektivpapier „Selbstmedikation 2025“. [/glossar]

[glossar] Was ist unter OTC-Arzneimitteln zu verstehen? :::

OTC-Arzneimittel im engeren Sinne sind apothekenpflichtige, rezeptfreie Arzneimittel. Der Begriff „OTC“ steht für „over the counter“ (= „über den Handverkaufstisch“) und bedeutet, dass diese Arzneimittel nur durch das pharmazeutische Personal an einen Patienten abgegeben werden dürfen. Im Gegensatz zu den apothekenpflichtigen OTC-Arzneimitteln dürfen freiverkäufliche Arzneimittel „vor dem Handverkaufstisch“, in der sogenannten „Freiwahl“, abgebeben werden. Freiverkäufliche Arzneimittel dürfen auch außerhalb von Apotheken verkauft werden.

In Bezug auf OTC-Arzneimittel stellen der Anspruch auf Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität sowie die Optimierung der Anwendung infolge der Abgabe und Beratung in der Apotheke maßgebliche Kriterien dar. Daher werden im Markt und in der Bevölkerung freiverkäufliche Arzneimittel und Gesundheitsprodukte, insbesondere stoffliche Medizinprodukte und Nahrungsergänzungsmittel, auch als OTC-Arzneimittel wahrgenommen und daher auch unter dem Begriff OTC-Produkte zusammengefasst.

Rezeptfreie Arzneimittel und Produkte (OTC)

Die Abgabe in der Apotheke eröffnet die Möglichkeit, dass dort unter Umständen Alternativen oder ein Arztbesuch empfohlen werden können. [/glossar]

[glossar] Wie vielfältig ist der OTC-Markt? :::

Annähernd die Hälfte der in deutschen Apotheken abgegebenen Arzneimittel sind rezeptfreie Arzneimittel. Im Jahr 2021 wurden 695 Millionen Packungen rezeptfreier Arzneimittel in Apotheken in Deutschland verkauft. Der Gesamtumsatz betrug rund 6,85 Milliarden Euro. Weitere Informationen finden sich in der BAH-Broschüre „Der Arzneimittelmarkt in Deutschland“. Der Markt der rezeptfreien Arzneimittel in Deutschland ist traditionell sehr vielfältig. Neben den chemisch-synthetischen Produkten gibt es ein breites Spektrum an Arzneimitteln der sogenannten besonderen Therapierichtungen. Dazu zählen pflanzliche Arzneimittel, Homöopathika und Anthroposophika. Auf die besonderen Therapierichtungen entfällt etwa ein Drittel des Umsatzes der rezeptfreien Arzneimittel in Apotheken. [/glossar]

[glossar] Gibt es einen individuellen Nutzen der Selbstmedikation? :::

Selbstmedikation mit rezeptfreien Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten trägt ganz wesentlich dazu bei, dass Menschen trotz leichterer (selbstlimitierender) Erkrankungen und Gesundheitsstörungen ihre alltäglichen Aufgaben in Beruf und Familie erfüllen können und ihre Lebensqualität erhalten bzw. verbessern. [/glossar]

[glossar] Welchen gesellschaftlichen Mehrwert hat Selbstmedikation? :::

Selbstmedikation hat einen hohen gesundheits- und sozioökonomischen Mehrwert. Durch Selbstmedikation werden bereits heute erhebliche Ressourcen eingespart beziehungsweise optimiert. Im Gesundheitssystem zum Beispiel durch Vermeidung von Arztbesuchen, volkswirtschaftlich zum Beispiel durch Vermeidung von Fehlzeiten. Bei leichten Gesundheitsstörungen können eine durch Apotheken begleitete Selbstmedikation anstelle einer ärztlichen Konsultation erhebliche Effizienzreserven bei Patienten, Arztpraxen, Kostenträgern und letztlich für die gesamte Gesellschaft realisiert werden. Hierzu sei auf das Gutachten „Selbstbehandlung und Apotheke“, May+Bauer GbR, 2016, sowie aktualisierte Zahlen aus 2019 (Faktenblatt Selbstmedikation) verwiesen. In einer Ausarbeitung für den europäischen Selbstmedikationsverband AESGP aus 2021 wird das im Gutachten aus dem Jahr 2016 ermittelte erhebliche Einsparpotential durch apothekengestützte Selbstbehandlung bestätigt und zugleich der deutsche Selbstmedikationsmarkt im europäischen Kontext betrachtet. [/glossar]

[glossar] Wie werden Arzneimittel rezeptfrei? :::

Rezeptfreie Arzneimittel sind in der Mehrzahl bereits seit vielen Jahren erprobt und aufgrund ihres besonders positiven Nutzen-Risiko-Potenzials nicht rezeptpflichtig. Auf Antrag können bisher rezeptpflichtige, aber für die Selbstbehandlung geeignete Wirkstoffe oder Arzneimittel im Rahmen eines sogenannten Switch-Verfahrens aus der Verschreibungspflicht entlassen werden (siehe auch BAH-Broschüre „Der Arzneimittelmarkt in Deutschland“). Über diese Anträge berät der beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn ansässige Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht (SAV). Er spricht eine Empfehlung aus, ob ein Wirkstoff oder Arzneimittel aus dem Status „rezeptpflichtig“ in den Status „rezeptfrei“ überführt werden sollte. Letztlich entscheidet das Bundesgesundheitsministerium (BMG) über eine entsprechende Änderung der Verordnung über verschreibungspflichtige Arzneimittel, wobei diese Rechtsverordnung der Zustimmung durch den Bundesrat bedarf. [/glossar]

[glossar] Wie steht der BAH zur Selbstmedikation? :::

Der BAH engagiert sich für eine stärkere Wahrnehmung der Werthaltigkeit von rezeptfreien Arzneimitteln bei den Menschen, in Politik und Öffentlichkeit. Er steht uneingeschränkt zur Arzneimittelversorgung durch die freiberufliche, inhabergeführte Apotheke und zur grundsätzlichen Apothekenpflicht. Die Selbstmedikation mit rezeptfreien Arzneimitteln besitzt eine bedeutende Funktion für den selbstbestimmten Patienten und die Ausübung von Eigenverantwortung in der Gesellschaft. Die heilberufliche Beratung durch Arzt und Apotheker nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein. Einer Trivialisierung oder Bagatellisierung von rezeptfreien Arzneimitteln ist deutlich entgegenzutreten.

Der BAH setzt sich für eine aktive und gezielte Förderung von apothekenbegleiteter Selbstmedikation ein und steht der Politik und den Partnern im Gesundheitswesen mit seiner Expertise zur Verfügung. Denn nur in einem umfassenden Diskurs können die Potenziale für ein Mehr an Eigenverantwortung und sicherer Selbstmedikation entwickelt werden. Selbstmedikation ist ein unverzichtbarer Faktor für eine sichere Gesundheitsversorgung in der Zukunft. Wesentliche Voraussetzungen hierfür sind (siehe auch BAH-Perspektivpapier „Selbstmedikation 2025“):

  • Entscheidungsfreiheit der Menschen
  • Informative Freiheit
  • Zugang zu Gesundheitsleistungen und Innovationen
  • Vertrauen in Wirksamkeit und Verträglichkeit von Produkten
  • Menschlichkeit
  • Politischer Rahmen

Für eine gute Gesundheitsversorgung und um den individuellen sowie den gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Nutzen zu sichern und die Potenziale zu heben, sollten Gesetzgeber und Exekutive die geeigneten Rahmenbedingungen stellen. Dazu zählen:

  • Erhalt der Apothekenpflicht von nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln, auch auf dem Gebiet der besonderen Therapierichtungen
  • Effizientere Gestaltung der Regelungen zur Änderung von Zulassungen
  • Konsequente Umsetzung der EU-Health-Claims-Verordnung
  • Stärkung der Verfahren zur Entlassung von Wirkstoffen aus der Verschreibungspflicht („Switch-Verfahren“)
  • Stärkung der unabhängigen Apotheken, geleitet durch freiberuflich tätige Apothekerinnen oder Apotheker
  • Förderung der heilberuflichen Zusammenarbeit von Arztpraxen und Apotheken
  • Stärkung der Gesundheitskompetenz der Menschen
  • Anerkennung des Wertes einer Selbstmedikation mit rezeptfreien Arzneimitteln durch die Stakeholder im Gesundheitswesen, insbesondere im öffentlich-politischen Bereich [/glossar]

Absatz rezeptfreier Arzneimittel in 2022. Angabe in Mio Packungseinheiten (PE). Quelle: BAH Zahlenbroschüre 2022

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Wir stellen ein Gutachten zur Selbstmedikation vor.

Hier finden Sie weiterführende Informationen zum Grünen Rezept.

Hier gibt es Informationen zum Thema OTC-Switch.

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