Patientensicherheit an erster Stelle

Aus: Arzneimittelpunkt 02/18

Kaum andere Produkte sind so sicher wie Arzneimittel. Hersteller, Großhändler und Apotheken tun einiges, um das zu gewährleisten.

0,000001 Prozent. Eine Zahl mit fünf Nullen hinter dem Komma. Das ist der Anteil von Fällen mit Fälschungs- oder Manipulationsverdacht an allen Arzneimitteln, die 2016 auf legalem Weg in die Apotheke gelangt sind. Anders ausgedrückt: in 14 Fällen bei 1,4 Milliarden verkauften Packungen. In den meisten Branchen würde eine solch geringe Zahl als vernachlässigbar gelten. Im Arzneimittelmarkt setzen die Beteiligten – von Herstellern über Großhändler und Apotheken bis hin zur Politik – alles daran, Fälschungen und Manipulationen in der legalen Produktions- und Lieferkette auf null zu reduzieren.

Hersteller: globales Geschäft – globale Kontrollen

„Die Qualität und der Patientenschutz sind unser höchstes Gut.“ Dr. Fritz Klöter sagt diesen Satz so sachlich und selbstverständlich, dass man seine Tragweite im ersten Moment gar nicht begreift. Der 60-Jährige trägt den etwas sperrigen Titel „Executive Vice President Global Quality“ und ist beim Arzneimittel-Hersteller Stada für die weltweite Arzneimittelsicherheit zuständig. Seit mehr als 35 Jahren ist er in dem Bereich tätig. Wenn er über Dinge wie Qualitätssicherung, Herstellungsprozesse und Kontrollmechanismen spricht, ist er ganz in seinem Thema. Er führt aus: „Um den Patientenschutz sicherzustellen, haben wir den Fachbereich Global Quality gegründet und ihn auf die höchste Führungsebene gestellt.“

Arzneimittel-Hersteller tragen eine große Verantwortung. Täglich stellen sie Millionen von Packungen mit Arzneimitteln her, die Krankheiten heilen oder lindern und die Gesundheit von Patienten erhalten und verbessern. Fehlerhaft produziert oder falsch angewendet, können Arzneimittel aber auch Schäden verursachen. Kaum eine Branche unterliegt daher so strengen Qualitätsauflagen und Sicherheitskontrollen wie die Arzneimittelherstellung. Vom Einkauf der Wirk- und Hilfsstoffe über die Produktion bis hin zum Verkauf an Großhändler und Apotheken – an jeder Station finden strenge und regelmäßige Kontrollen statt.

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Stada sitzt im beschaulichen Bad Vilbel, einem 33.000-Einwohner-Städtchen vor den Toren Frankfurts. Dabei könnten die internationalen Verknüpfungen des Unternehmens kaum größer sein. „Wenn wir über einen internationalen Arzneimittel-Hersteller wie Stada sprechen, haben wir es mit komplexen Wegen zu tun“, erläutert Fritz Klöter. „Wir beschäftigen uns nicht mit Deutschland oder der EU, wir beschäftigen uns mit der Welt.“

Diese Perspektive betrifft Subunternehmer und Lieferanten, von denen Stada Wirkstoffe oder Hilfsstoffe bezieht. Sie kommen aus der ganzen Welt. Die Unternehmen werden vielfältig und engmaschig kontrolliert. „Wir prüfen jede Charge von Ausgangsstoffen, die an uns geliefert wird, auf ihre Echtheit, Konzentration und Reinheit“, sagt Klöter. „Zudem führen wir vor Ort bei den Unternehmen eigene Audits durch, die mindestens alle drei Jahre wiederholt werden, bei kritischen Wirkstoffen auch häufiger.“ Dafür unterhält Stada in vielen Herstellerländern Verbindungsbüros, deren Mitarbeiter die Landessprache sprechen und im ständigen Austausch mit den Zulieferern und den Behörden stehen. Klöter ergänzt: „Effektiv werden die Unternehmen vor Ort noch viel häufiger kontrolliert. Denn sie produzieren in der Regel für mehrere Hersteller, die ebenfalls Audits durchführen. Die behördlichen Prüfungen kommen außerdem hinzu.“

Die zugelieferten Ausgangsstoffe verarbeitet Stada zu fertigen Tabletten, Säften oder Nasensprays. 1.000 verschiedene Arzneimittel produziert das Unternehmen allein am Standort Bad Vilbel. Welchen Stellenwert das Thema Sicherheit hat, zeigt die Tatsache, dass von den weltweit gut 15.000 Stada-Mitarbeitern mehr als 800 im Qualitätsmanagement beschäftigt sind – über 5 Prozent.

Sachkundige Person hat den Überblick

Einer davon ist Dr. Burkhard Künstler. Er ist Sachkundige Person bei Stada. Seine Aufgabe: sämtliche produzierten Medikamente vor der Freigabe für den Markt noch einmal hinsichtlich ihrer Qualität zu überprüfen. Konkret heißt das, er ist für die Qualität und Sicherheit jedes einzelnen Produktionsschrittes verantwortlich und darf mangelhafte Ware nicht freigeben – persönlich haftend, im Übrigen.

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Jeder Arzneimittel-Hersteller ist gesetzlich verpflichtet, eine oder mehrere solcher Sachkundigen Personen zu ernennen. Es handelt sich dabei in der Regel um einen Apotheker, der nach der deutschen Approbationsordnung ein Pharmaziestudium abgeschlossen hat. Zudem muss der oder die Zuständige die nötige Sachkunde zu Qualität und Herstellung nachweisen und diverse Trainings durchlaufen.

Künstler führt als Sachkundige Person nicht jede einzelne Kontrolle selbst durch. Er ist vielmehr die übergeordnete Instanz, bei der sämtliche Informationen zusammenlaufen, geprüft und bewertet werden. Künstler sagt: „Was ich mache, ist im Grunde ein Büroalltag. Ich lese Berichte und stelle Fragen, führe Telefonate mit Behörden und Zulieferern und bewerte Abweichungen, die aus der Produktion gemeldet werden.“

Wie solch eine Abweichung aussehen kann, erläutert er am Beispiel einer Brausetablette. Eine Brausetablette hat die Eigenschaft, sofort jegliche Feuchtigkeit aufzunehmen und sich aufzulösen. Sie wird daher in einem konditionierten Arbeitsumfeld mit einer Luftfeuchte von etwa 20 Prozent hergestellt. „Da würde niemand von uns acht Stunden lang arbeiten wollen, wir würden austrocknen“, bemerkt Künstler mit einem Lachen. Um das konstant trockene Klima herzustellen, braucht es eine Einrichtung, die entfeuchtet, kühlt, aber auch wiedererhitzt. „Wenn ich allerdings eine Außentemperatur von 36 Grad habe und das über längere Zeit, kann es sein, dass die Maschine an ihr Limit kommt, wie eine Klimaanlage im Auto oder in der Bahn.“

Dann kann die Luftfeuchte kurzzeitig höher liegen. Messgeräte im Raum melden dies sofort und Künstler und seine Mitarbeiter prüfen dann, ob die Abweichung eine Auswirkung auf die Qualität der Tabletten hat.

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Derartige Kontrollen während des Produktionsprozesses laufen bei sämtlichen Arzneimitteln ständig ab. Klöter: „Qualität zu prüfen, ist nur eine Seite der Medaille. Zuvor muss Qualität produziert werden.“ Er gibt weitere Beispiele: Bei der Abfüllung von flüssigen Stoffen wird laufend überwacht, ob die Füllmenge und die Dichtigkeit den Vorgaben entsprechen. Bei Tabletten werden während der Produktion ständig Proben gezogen, um ihre stets gleichbleibende Härte zu testen. Und zusätzlich dokumentieren Kameras den Verpackungsprozess und erkennen weitere mögliche Fehler wie abgebrochene Stücke bei Tabletten. Und natürlich werden auch die fertigen Arzneimittel geprüft. Aus jeder Charge werden Muster gezogen, bevor sie das Unternehmen verlässt. Für die umfangreichen Prüfungen unterhält Stada eigene Labore. Dort mörsern Labormitarbeiter beispielsweise Tabletten und testen den Wirkstoffgehalt. Spezielle Geräte simulieren den menschlichen Magen und prüfen, ob sich eine Tablette in der vorgegebenen Zeit zersetzt und den Wirkstoff freigibt – eine wesentliche Voraussetzung, damit etwa eine Kopfschmerztablette binnen einer halben Stunde wirkt. Und wieder andere Geräte testen die Wirkstofffreisetzung von Proben zum Teil über mehrere Stunden hinweg.

Gesetzlich streng reguliert

All diese Kontrollen sind gesetzlich vorgeschrieben und entsprechen der sogenannten „Good Manufacturing Practice“ der EU. Sämtliche lizenzierte Arzneimittel-Hersteller in Deutschland und der EU halten sich an diese Richtlinie und führen vergleichbare Kontrollmechanismen durch. Diese Regelung gewährleistet einen EU-weiten einheitlichen Sicherheits- und Qualitätsstandard in der Arzneimittelherstellung. In Deutschland legt zudem das Arzneimittelgesetz fest, welche Voraussetzungen ein Hersteller erfüllen und welche Qualitätsmaßstäbe er einhalten muss. Die nationalen Behörden – in Deutschland unter anderem das BfArM mit mehr als 1.000 Mitarbeitern sowie 16 Landesüberwachungsämtern – prüfen regelmäßig, ob ein Unternehmen diese gesetzlichen Vorschriften einhält und ob die produzierten Arzneimittel einwandfrei sind. Jeder Hersteller wird dabei mindestens alle drei Jahre, bei besonders kritischen Medikamenten auch öfter, vor Ort inspiziert. Zudem nehmen die Behörden Proben aller Medikamente und untersuchen diese in eigenen Laboren.

Diese behördlichen Kontrollen zu begleiten, ist eine weitere Aufgabe einer Sachkundigen Person wie Künstler. Er geht dabei etwa mit den Prüfern durch die Werke und beantwortet Fragen. Diese Arbeit ist zunehmend anspruchsvoll, wie Künstler betont: „Die Behörden erwarten eine immer schnellere Information, das ist ein klarer Trend. Sie hätten Auskünfte gerne ‚auf Knopfdruck‘, aber so einfach ist es natürlich nicht.“

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Gleichwohl arbeiten die Hersteller an neuen Technologien, um Produktionsprozesse noch besser überwachen zu können. „Die Digitalisierung und Industrie 4.0 sind auch in der pharmazeutischen Industrie Themen, auch wenn wir noch nicht so weit sind wie andere Branchen“, erläutert Qualitätschef Klöter. „Das Ziel ist es, den gesamten Produktionsprozess digital aufzuzeichnen und zu überwachen. So können wir noch schneller und genauer nachvollziehen, an welcher Stelle in der Produktion ein Fehler passiert ist.“

Großhandel: Hersteller und Apotheken verbinden

Dienstag, 6:15 Uhr, zentraler Wareneingangsbereich im Großlager der Gehe Pharma Handel GmbH in Kassel. Ein Lkw lädt Paletten ab. Der Inhalt: mehrere Zehntausend Packungen Arzneimittel, geliefert von einem Hersteller aus der Region. Mitarbeiter nehmen die Ware in Empfang, prüfen Zahl und Art der gelieferten Packungen und gleichen sie mit der Bestellung ab. Sie begutachten jede Charge auf augenscheinliche Mängel und sonstige Auffälligkeiten.

Pharmazeutische Großhändler spielen eine wichtige Rolle in der legalen Produktions- und Lieferkette von Medikamenten. Sie fungieren als Bindeglied zwischen Arzneimittel-Herstellern und Apotheken – und sind eine zusätzliche Kontrollebene. Michael Uhlmann, Geschäftsführer Organisation und Logistik bei Gehe, erklärt Details: „Die Sicherheit und Qualität von Arzneimitteln sind ein Thema, das bei uns jeden Mitarbeiter angeht – vom Lagermitarbeiter bis zur Geschäftsführung. In jeder unserer Niederlassungen ist zudem ein lokaler Qualitätssicherungsbeauftragter für die Einhaltung aller Vorschriften und Prüfungen verantwortlich.“

Auch Großhändler unterliegen strengen und regelmäßigen Prüfungen durch Behörden. Unregelmäßigkeiten sind selten. „Informationen über eventuelle Probleme erreichen uns in der Regel von den Überwachungsbehörden, unseren Kunden oder von den Herstellern selbst“, sagt Uhlmann. „Fragliche Produkte werden dann innerhalb kürzester Zeit identifiziert und ins Sperrlager gebracht.“

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Und die Sicherheit der Arzneimittel wird weiter steigen, etwa durch Regelungen der neuen EU-Fälschungsschutzrichtlinie. Demzufolge müssen verschreibungspflichtige Arzneimittel, die ab dem 9. Februar 2019 für den Verkauf oder Vertrieb freigegeben werden, eine Art Siegel haben, so dass sie nicht unbemerkt geöffnet werden können. Außerdem müssen sie über eine individuelle Seriennummer verfügen, die vom Hersteller auf die Packung aufgebracht wird. Für Deutschland baut securPharm e. V. dieses System auf. Auch die Mitarbeiter im Großhandel werden diese Sicherheitsmerkmale überprüfen. Außerdem wird künftig für jede Packung, die ein Großhandelslager verlässt, die Charge dokumentiert.

Apotheke: letzte Prüfstation

Dr. Stefan Noé ist Apotheker aus Leidenschaft. „Das dreistufige Liefersystem Hersteller – Großhandel – Apotheke wird künftig durch securPharm noch sicherer werden“, sagt er. Bis 2012 hat der Apotheker Noé mehr als zehn Jahre lang für einen internationalen Arzneimittel-Hersteller gearbeitet und kennt dadurch beide Seiten bestens.

Neben Herstellern und Großhändlern führen auch Apotheken Sicherheitsprüfungen bei sämtlichen Medikamenten durch. Dazu gehören insbesondere Sichtprüfungen, die die pharmazeutisch ausgebildeten Mitarbeiter sowohl beim Wareneingang als auch bei der Abgabe eines Arzneimittels routinemäßig durchführen. Dabei achten sie etwa darauf, ob Packungen ungewöhnlich aussehen, Spuren von Manipulation aufweisen oder etwaige Sicherheitsverschlüsse beschädigt sind. Zudem schreibt die Apothekenbetriebsordnung vor, dass regelmäßig stichprobenartige Prüfungen stattfinden müssen. Gibt es einen Verdacht auf Qualitätsmangel oder eine Fälschung, wird das Produkt umgehend in Quarantäne genommen und Hersteller, Lieferanten und Behörden werden informiert.

Noé resümiert: „Ich halte die Arzneimittel, die in Deutschland über die legale Lieferkette in den Verkauf kommen, für sehr sicher. Echte Fälschungen, die über den Verdacht hinaus gehen, sind mir in meinen bald 25 Jahren Berufserfahrung als Apotheker persönlich nicht untergekommen.“

Dass das etablierte System der Qualitätssicherung funktioniert, zeigt auch die eingangs erwähnte Zahl von 14 Verdachtsfällen im Jahr 2016. Übrigens: Keiner der Verdachtsfälle hat sich letztlich als echte Fälschung herausgestellt.

Text: KK

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