Migräne: Wenn der Schmerz im Kopf nachlässt

Aus: Arzneimittelpunkt 01/17

Paul Büttner* kennt das Gefühl eines Migräneanfalls seit vielen Jahren. Er hat gelernt, mit der Krankheit zu leben. „Über dem linken Auge sitzt der Schmerz“, sagt er. „Er ist unerträglich. Das Auge tränt. In letzter Zeit leide ich auch an Übelkeit.“ Bis zu 22 Migräneanfälle hat er jeden Monat. Spürt er, dass eine neue Attacke kommt, nimmt er Schmerzmittel. Damit sind die Krankheitsschübe zu ertragen, er kann arbeiten und den Tag normal verbringen. „Wenn ich die Medikamente rechtzeitig nehme, habe ich kaum Fehlzeiten bei der Arbeit als Lehrer. Aber wenn ich zu spät auf einen Anfall reagiere, ist der Tag für mich gelaufen, ich kann nichts mehr machen.“ Büttner muss sich dann hinlegen, er braucht absolute Dunkelheit und Ruhe. Er muss warten, bis die Schmerzen abklingen. Meistens dauert das bis zum nächsten Tag.

In Deutschland geht es Schätzungen der Deutschen Migräne­ und Kopfschmerzgesellschaft zufolge etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung ähnlich wie Büttner. Die meisten haben einen oder zwei Anfälle pro Monat. In schweren Fällen meldet sich die Migräne fast jeden Tag, das Leben wird zur Qual. Betroffene sprechen von unerträglichen Schmerzen. Oft kommt Übelkeit dazu, sie müssen sich übergeben. Licht oder Geräusche werden zur Zumutung, selbst leichteste Berührungen schmerzen. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten gab es keine geeignete Arzneimitteltherapie gegen Migräne. Heute ist das anders. Es gibt verschiedene Wirkstoffklassen, rezeptpflichtige und rezeptfreie Arzneimittel sowie unterschiedliche Darreichungsformen wie Nasensprays oder Tabletten. Laut Stefan Evers, einem der führenden deutschen Migräne-Experten, profitieren seine Patienten von der Vielfalt der Arzneimitteltherapiemöglichkeiten: „Nach einer Phase des Ausprobierens können sich Patienten für das Medikament entscheiden, das ihnen individuell am besten hilft. Jeder Patient reagiert nämlich etwas anders auf die verschiedenen Migränemedikamente, sodass die genaue Wirksamkeit im Einzelfall nicht vorhergesagt werden kann.“ Evers beschäftigt sich als Chefarzt der Neurologischen Klinik des Krankenhauses Lindenbrunn in Coppenbrügge und Professor für Neurologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster seit Jahren mit dem Thema Migräne.

Migräne mit Kopfschmerzen zu vergleichen, wäre falsch. Migräne ist eine neurologische Erkrankung. Spricht man mit Evers, versteht man, weshalb Büttner unter so unerträglichen Zuständen leidet: „Im Hirnstamm liegen Zentren, die bei gesunden Menschen Schmerzen kontrollieren und unbedeutende Reize herausfiltern. Das ist wichtig, damit uns nicht jede kleinste Berührung wehtut. Bei Menschen, die an Migräne leiden, ist dieser Filter defekt. Die Schmerzhemmung im Gehirn gerät derart außer Kontrolle, dass alle Reize ungehindert zum Hirnstamm gelangen, wo sie unverzüglich als Schmerz identifiziert werden.“

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Migräne lässt sich nicht heilen – aber gut mit Arzneimitteln behandeln

Bei Migräne handelt es sich um eine Veranlagung, die praktisch ein Leben lang besteht. Die Diagnose ist mitunter schwierig, denn nur selten treten bei einem Erkrankten alle Symptome auf. Mediziner unterscheiden zudem 22 verschiedene Migränearten, deren Symptome sich teils stark unterscheiden. So geht die sogenannte hemiplegische Migräne mit vorübergehenden Lähmungserscheinungen einher, andere Formen zeigen sich durch Schwindel, Tinnitus oder Doppeltsehen. Bei jedem zehnten Patienten beginnt die Migräne zudem mit einer Aura. Betroffene nehmen dabei häufig Veränderungen im Sehfeld wahr, etwa Funken, flimmernde Linien oder einen milchigen Schleier. Die Aura ist jedoch nur ein Vorbote. Ist sie abgeklungen, folgen binnen weniger Stunden die unerträglichen Schmerzen der Migräne.

Die Auslöser für eine akute Migräneattacke können vielfältig sein – vom Wetterumschwung bis zu hormonellen Veränderungen etwa während der Menstruation. Einer der häufigsten Auslöser ist Stress. Oder der Wechsel vom Arbeitsalltag in die Entspannung am Wochenende. Viele Patienten reagieren auch auf Veränderungen im Tagesrhythmus mit einer Attacke, etwa zu Beginn des Urlaubs oder auf Reisen. Aber auch Genussmittel wie Alkohol können einen Anfall auslösen.

Bis in die 1990er Jahre hinein mussten Patienten sich mit Arzneimitteln zur Behandlung von Kopfschmerzen behelfen. Bereits als junger Mann hatte Büttner erste Migräneanfälle, er studierte Mathematik und Physik auf Lehramt und trat seine erste Stelle als Lehrer an einer Realschule an. Der Hausarzt probierte bei ihm verschiedene Behandlungen gegen die Migräneanfälle aus, stach mit einer Nadel ins Ohr, verschrieb Betablocker in zu niedriger Dosis, wie sich später herausstellte. Der Erfolg blieb aus. All die Jahre musste Büttner die Migräne ertragen, wirksame Therapien kannte er nicht. Erst Ende der 1990er Jahre verschrieb der Hausarzt ihm zum ersten Mal ein Triptan. Das Medikament wurde kurz vorher in Deutschland zugelassen. „Das war das erste Mal, dass die Schmerzen weggingen“, sagt Büttner.

Viele Möglichkeiten, die Migräne zu therapieren

Heute sind Triptane eine der Standardbehandlungen bei Migräne. Sie sind chemisch mit dem Botenstoff Serotonin verwandt, an dem es Migränepatienten in der Regel mangelt. Die Triptane kompensieren diesen Mangel, indem sie an die gleichen Rezeptoren im Gehirn andocken und dadurch die Schmerzwahrnehmung hemmen.

Triptane gibt es sowohl rezeptpflichtig als auch rezeptfrei. Sieben verschiedene Triptane sind aktuell auf dem Markt. Sie unterscheiden sich darin, wann die Wirkung einsetzt, wie lange sie anhält und wie lange der Wirkstoff insgesamt im Körper bleibt. Je nach Art und Stärke der Migräne braucht ein Betroffener entsprechende Mittel. „Von großer Bedeutung sind auch unterschiedliche Darreichungsformen“, sagt Evers. „Insbesondere für Patienten, die bei Migräneattacken unter starker Übelkeit oder Erbrechen leiden, sind Zäpfchen, Nasensprays oder Spritzen eine wichtige Alternative zur Tablette.“ Er rät seinen Patienten, unterschiedliche Darreichungsformen auszuprobieren und sich dann für die individuell am besten geeignete zu entscheiden.

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In kleinen Mengen sind zwei Wirkstoffe aus der Triptan­Gruppe – Naratriptan und Almotriptan – ohne Rezept in der Apotheke erhältlich. Ein „Attack Pack“ mit zwei Tabletten können die Patienten bei einem akuten Anfall direkt dort erhalten. Größere Mengen und andere Wirkstoffe der Triptan-Gruppe muss der Arzt verschreiben (siehe Grafik Seite 10 und 11). Denn Triptane sind zwar meist gut verträglich, aber können – wie andere Arzneimittel auch – Nebenwirkungen haben. Neben den Triptanen stehen heute noch weitere Therapieoptionen zur Verfügung. Drei Anwendungsbereiche werden in der Therapie unterschieden: In der Prophylaxe kommen rezeptpflichtige Arzneimittel wie Betablocker zum Einsatz, aber auch pflanzliche Wirkstoffe wie Pestwurz. Vorbeugen können beispielsweise auch Verhaltenstherapien, Ausdauersport und Änderungen im Lebensstil. In einem akuten Anfall können bei vielen Patienten auch rezeptfreie Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen aus der Apotheke helfen. „Denn während der Attacke ist man kaum in der Lage, einen Arzt aufzusuchen, um sich ein Medikament verschreiben zu lassen“, sagt Evers. Büttner kommt damit gut zurecht. Prophylaktisch nimmt er einen Betablocker, bei einem Anfall helfen die Triptane. Aber nicht bei jedem Patienten schlägt diese Arzneimitteltherapie an.

Weshalb mehr Vielfalt hilft

Claudia Dietze hat jede Woche einen Anfall. Ein Leben ohne Migräne kennt die 48­Jährige nicht. „Wenn ich einen Migräneschub habe, dann ist hier Holland in Not“, sagt sie. Über eine Freundin erfuhr sie von einem Wirkstoff gegen Migräne, den man in der Apotheke kaufen kann: Triptan. „Damals war es noch nicht so schlimm, da hatte ich nur alle paar Monate einen Anfall. Das Triptan habe ich mir dann mal geholt für den Fall, dass ich wieder einen Anfall bekomme. Da sind zwei Tabletten drin und die haben dann geholfen. Später habe ich sie mir vom Arzt verschreiben lassen.“

Doch im Laufe der Zeit war dieser Wirkstoff nicht mehr ausreichend. „Eine Weile haben die Triptane geholfen, ein paar Jahre. Inzwischen habe ich sie alle durch. Jetzt ist es so, dass sie nicht mehr richtig anschlagen. Für den Notfall habe ich dann Kortison. Mein Arzt sagt, ich darf mich nicht länger als zwei Tage mit der Migräne rumquälen, dann muss ich sie mit Kortison unterbrechen.“ Das Kortison hilft ihr, es stoppt den Schmerz sofort. „Dann ist Ruhe, dann geht es mir wieder gut.“ Kortison blockiert die Entzündungen im zentralen Nervensystem, die den Migräneschmerz verursachen. Es bleibt allerdings dem absoluten Notfall vorbehalten. Denn bei längerer Einnahme kann das Mittel Nebenwirkungen haben. Es darf daher nicht zu lange und nicht zu oft genommen werden.

Claudia Dietze hofft auf neue Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten. Zu Migräne wird viel geforscht, immer wieder kommen neue Therapien auf den Markt. Seit 2011 ist etwa die Behandlung mit Botulinumtoxin, auch unter dem Namen Botox bekannt, zugelassen. Dabei wird das Mittel in bestimmte Kopf­ und Halsmuskeln gespritzt. Für Frau Dietze war es ein schwerer Schritt, der Behandlung zuzustimmen. „Vor ein oder zwei Jahren hatte es mir mein Arzt schon angeboten, aber ich habe es immer vor mir hergeschoben. Ich dachte, ich lasse mir doch nicht so viele Spritzen in den Kopf geben. Aber die Migräne wurde ja immer schlimmer. Jetzt habe ich mir gesagt: Egal, ich lass‘ jetzt alles machen, ich will wieder Lebensqualität.“

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Zweimal wurde sie inzwischen entsprechend behandelt. Mit Erfolg: „Ich habe den Eindruck, dass jetzt die Triptane wieder schneller wirken. Ich musste seitdem bei Anfällen nicht mehr mit Kortison unterbrechen. Ich brauche nur noch eine Tablette, und dann ist es nach ein paar Stunden vorbei.“ Büttner hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Er nimmt die Behandlung seit 2015 alle drei Monate in Anspruch. Dadurch sei die Anzahl der Anfälle zwar nicht weniger geworden, aber die Intensität habe abgenommen, sagt er.

Mit der Botox­-Behandlung ist die Vielfalt an prophylaktischen Therapiemöglichkeiten weiter gewachsen. An neuen Therapien wird geforscht. „Momentan werden ganz neue Wirkansätze gegen Migräneattacken und in der Vorbeugung erforscht“, berichtet Evers. „Das Ziel ist es, ein bestimmtes Molekül auszuschalten, das sogenannte CGRP, das in der Migräne eine wichtige Rolle als Botenstoff spielt.“ Erste Arzneimittel kommen voraussichtlich in den nächsten Jahren auf den Markt. Migräne wird sich dann noch gezielter und nebenwirkungsärmer behandeln lassen.

Die Migräne bleibt für Patienten eine schwere Belastung, auch wenn die vielfältigen Therapieoptionen eine deutliche Verbesserung bedeuten. Selbst Patienten wie Büttner und Dietze, bei denen die Migräne besonders heftige Folgen hat, können dank der Medikamente arbeiten, ihr Leben selbstständig führen und ihren Hobbys nachgehen.

Büttner sitzt in seinem Garten und genießt die Ruhe. „Eine Herausforderung sind nach wie vor Abschlussfahrten mit der Schulklasse. Da ist man 24 Stunden im Einsatz, man ist die ganze Woche unter Strom. Wenn ich die Medikamente mitnehme, geht es aber.“

Claudia Dietze feiert dieses Jahr ihren 25. Hochzeitstag. Sie und ihr Mann planen eine Kreuzfahrt. „Im September gehen wir wieder auf die AIDA und ich hoffe, dass es bis dahin noch besser geworden ist.“

Quelle Grafik: Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft

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