Burger, Pommes, Cola – auch das gehört zu einem optimalen Leben

Aus: Arzneimittelpunkt 01/18

Mehr Menschen denn je arbeiten heute permanent an ihrer Fitness. Leistungsfähigkeit und Gesundheit sind die Ziele. „Dabei hat die Tendenz zur Selbstoptimierung auch ganz viel mit Wohlempfinden zu tun. Dazu kann auch schon mal ein Besuch bei McDonald’s gehören“, sagt Corinna Mühlhausen, Trendforscherin aus Hamburg. Sie hat vier „Megatrends“ identifiziert, die unsere Gesundheitsversorgung nachhaltig und langfristig verändern werden.

AMP: Frau Mühlhausen, kann man wirklich sagen, dass sich unsere Gesellschaft stabil in eine bestimmte Richtung verändert?

Mühlhausen: Ja, das kann man. Wir arbeiten da mit dem Begriff des „Megatrends“. Das ist ein nachhaltiger und langfristiger Trend, der die gesamte Gesellschaft betrifft. Wir haben vier dieser Megatrends identifiziert, die Digitalisierung, Individualisierung, Nachhaltigkeit und Urbanisierung. Ausgangspunkt war die Frage, wie man neue Entwicklungen in Einklang bringen kann mit Erkenntnissen aus der Sozialforschung seit den 1990er Jahren: Dass es zwei Gegenpole gibt, welche die zentralen Bedürfnisse der Menschen widerspiegeln. Diese Pole sind das „Ich“ und das „Wir“ sowie die „Natur“ und die „Technik“. Alles Neue lässt sich gut darunter subsumieren.

Was bedeutet das konkret, gerade auch für den Gesundheitsbereich?

Das heißt zum Beispiel, dass sich die Digitalisierung nicht zufällig ausbreitet, sondern auf dem individuellen Grundbedürfnis beruht, sich zu entwickeln und am technischen Fortschritt teilzuhaben. Der Gegenpol dazu, der mit dem Trend zur Nachhaltigkeit korrespondiert, ist die Natur. Jeder Mensch braucht eine Basis, eine Heimat, etwas, das man anfassen kann, das echt ist. Das eine geht nicht ohne das andere. Und alle vier Megatrends beeinflussen den Gesundheitsbereich. Hier müssen Anbieter die Kraft haben, neue Entwicklungen loszutreten.

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Stichwort Digitalisierung: Einer Umfrage des BAH-Gesundheitsmonitors zufolge hat schon jeder zweite Bundesbürger im Internet nach Informationen zu Krankheiten gesucht. Wie soll ein Laie beurteilen, welche Angaben seriös sind?

Wir müssen intensiv dafür werben, dass gerade Apotheker die Chancen der Informationsflut annehmen. „Jetzt kommt der schon wieder mit seinen Google-Suchergebnissen“, ist die falsche Sichtweise. Vielmehr muss der Apotheker aktiv werden und sagen: „Du wirst gleich zu Hause das Ganze nochmals im Internet nachschauen. Ich empfehle dir dazu folgende seriöse Webseiten.“ Das sind Seiten, die der Apotheker mitgestaltet hat, die vielleicht eine Apothekervereinigung gemacht hat oder denen er einfach vertraut. Dann kommt der Patient beim nächsten Mal schon nicht mehr mit kruden Suchergebnissen.

Gemäß Global Web Index 2016 nutzen 15 Prozent aller Deutschen Gesundheits-Apps. Welche Chancen und Risiken sehen Sie in einer mehr oder weniger permanenten Überwachung sensibler Gesundheitsdaten?

Ich unterstütze alles, was Menschen tun, um gesünder zu werden, gesünder zu bleiben und vor allem informiert zu sein. Wenn ich nicht weiß, ob ich genug Sport mache, ist es doch gut, wenn eine App mir sagt, dass ich mich genug bewegt habe. Die Gefahr eines Datenmissbrauchs sehe ich als eher gering an. Es muss natürlich klar sein, wer diese Informationen bekommt und wer nicht. Hier wird sich der Markt aber zurechtrütteln, weil sich die Menschen irgendwann gezielt für bestimmte Anbieter entscheiden. Sie vertrauen dann eher Anbietern, die mit Krankenkassen kooperieren und nicht mit Sportartikel-Herstellern. Selbst Letzteres sehe ich positiv: Warum sollte ich nicht Angebote erhalten, die zu mir passen?

Kann man „Couchpotatoes“ wirklich durch eine App motivieren? Warum sollte sich jemand, der ohnehin viel Sport treibt, durch eine App überwachen lassen?

Ganz einfach: Weil es ihm Spaß macht. Für die ohnehin Fitten – das sind meistens junge, sportliche Frauen und Männer – ist es eine wunderbare Bestätigung. Und wenn man nicht nur Schritte zählt, sondern auch Tipps bekommt, wie man auf seinen Körper hört, was man essen sollte, wenn man es also ganzheitlicher sieht, ist das doch eine runde Sache. Klar, nur wenige, die ihre Tage bevorzugt auf der Couch verbringen, werden aktiver und sportlicher, nur weil sie zu Weihnachten einen Schrittzähler unterm Baum finden. Für diese wenigen aber ist es gut. Der Abstand in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen schmilzt. Gerade Männer kümmern sich heute deutlich mehr um ihre Gesundheit. Wenn Trackinggeräte dazu einen kleinen Beitrag leisten, umso besser. Bei wem die Daten liegen, ist mir dann egal. Da überwiegt für mich der Vorteil.

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Fast 60 Prozent der Bundesbürger haben sich 2016 als „Selbstoptimierer“ bezeichnet. Aber: Jeder Fünfte isst täglich Süßigkeiten und nur etwa jeder Zehnte kauft einen Großteil seiner Lebensmittel im Bioladen oder Biosupermarkt ein. Außerdem treibt jeder Vierte nie Sport. Selbstoptimierung: Selbstentdeckung oder eher Selbsttäuschung?

Hier sind nicht die absoluten Zahlen entscheidend, sondern die irrsinnigen Zuwachsraten. Kein Wunder, wir kommen ja im Grunde von null: Noch vor einiger Zeit haben wir alle extrem ungesund gegessen und jeden Tag Fleisch konsumiert. Nun liegt der Anteil der Vegetarier und Veganer schon bei über zehn Prozent. Außerdem hat die Selbstoptimierung nicht nur eine Dimension. Spontan hat man dabei einen ganz bestimmten Typen im Kopf: jung, dynamisch, fit. Den gibt es zwar, aber er ist definitiv medial gehypt und somit einfach präsenter in den Köpfen. Für die meisten bedeutet aber Selbstoptimierung einfach: sich um die eigene Person kümmern, das eigene Wohlbefinden ins Zentrum stellen. Und das kann dann eben auch mal einen Besuch bei McDonald‘s bedeuten.

Viel vom Wesen einer Gesellschaft – zumindest des weiblichen Teils – kann man in Frauenzeitschriften erfahren. Dort heißt es derzeit: „Mit diesem ganzen selbstoptimierenden Quatsch höre ich jetzt auf und lasse es mir einfach nur gut gehen.“ Das funktioniert aber nur, bis das Frühjahr kommt und die Beachfigur nach ihrem Recht verlangt. Dann kümmert man sich wieder um seinen Körper. Beides ist Selbstoptimierung. Letzteres wird auch so genannt, das andere eher nicht.

Zur Selbstoptimierung passt der Trend zur Nachhaltigkeit. Eine gesunde Umwelt, ein nachhaltiger Lebensstil, eine „natürliche“ Medizin. Gleichzeitig nimmt aber der Stress weiter zu, wenn man sich zum Sklaven seines Trackinggerätes macht.

Bei einer natürlichen Medizin denke ich an alternative Behandlungsmethoden, also zum Beispiel Naturheilverfahren, homöopathische Arzneimittel oder die anthroposophische Medizin. Dabei gehen die Menschen wohl von einer besonders guten Verträglichkeit aus und wollen damit sowohl Körper als auch Psyche positiv beeinflussen. Sie wollen in Einklang mit der Natur leben, damit es ihnen physisch und psychisch besser geht. Wenn ich mich nun allerdings jeden Abend frage, ob ich die von der App empfohlenen zehntausend Schritte wirklich gemacht habe, dann ist das ganz und gar nicht gut. Vielen Selbstoptimierern geht es tatsächlich nicht gut. Vermutlich kriegen wir es einfach noch nicht hin, uns im Leben so einzurichten, dass es auf allen Ebenen klappt. Aber ich glaube, es geht uns besser, als wir uns fühlen.

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Eine weitere von Ihnen genannte Entwicklung ist die Individualisierung. Die gibt es auch in der Medizin: Die Analyse des menschlichen Erbgutes soll individuell passendere Leistungen ermöglichen. Wird das eher nützen oder schaden?

Ich bin ein grundsätzlich positiver, optimistischer Mensch. Deshalb sehe ich hier vor allem den Nutzen. Wenn eine Genomanalyse eine maßgeschneiderte Therapie ermöglicht, ist das doch perfekt. Der Nutzen einer individualisierten Medizin kann gigantisch sein. Natürlich dürfen die Daten nicht in falsche Hände gelangen. Und Fehlverhalten darf lediglich dokumentiert, aber keinesfalls sanktioniert werden.

Die Urbanisierung schreitet weiter voran. Auch Ärzte verlassen zunehmend ländliche Regionen. Geht der Arzt, geht aber oft auch der Apotheker. Wie können Landapotheker ihre Attraktivität steigern?

Damit er weiterhin ein wichtiger Ansprechpartner bleibt, muss sich der Apotheker auf dem Land extrem öffnen. Er muss menschlich sein, seine Kundschaft gut kennen, sie exzellent beraten. Das geht nur, solange er einer sich verändernden Patientenstruktur Rechnung trägt: Wenn die Jungen gehen und die Älteren sterben, verwaist das Dorf nicht zwangsläufig. Vielleicht zieht es ja nun Familien an, weil der Bürgermeister den Ort besonders kinderfreundlich gestaltet hat. Der Apotheker muss hier immer am Ball bleiben und mit seinen Dienstleistungen alle Entwicklungen nachvollziehen. Wenn also die letzte Arztpraxis schließt, muss der Apotheker wissen, was er seinen Patienten nun rät. Vielleicht gelingt es ihm, eine regelmäßige Sprechstunde durch einen von auswärts kommenden Arzt zu organisieren. Oder er schafft es, den Landarzt als eine Art Ansprechpartner in allen Lebenslagen ein wenig zu ersetzen. Es geht mehr denn je darum, eine echte Kundenbindung aufzubauen.

Kann der internetbasierte Arzneimittel-Versandhandel die Apotheke vor Ort sinnvoll ergänzen – vor dem Hintergrund einer älter werdenden Bevölkerung?

Menschen, auch ältere, die keine Affinität zum Internet haben, wird es irgendwann nicht mehr geben. Das muss jeder akzeptieren, auch wer wünscht, dass es Internetapotheken nie gegeben hätte. Allerdings kenne ich noch keine Internetapotheke, die ihren zweiten Namensteil wirklich verdient hätte. Im Grunde sind das ja nur Verkaufsplattformen oder Ankreuzkataloge. Mit dem Namen „Apotheke“ verbinde ich guten Service, fachlich kompetente Beratung, ein persönliches Verhältnis zum Patienten. Nun müssen die Vor-Ort-Apotheker, die all das bieten, noch ihre Hausaufgaben machen. Sie müssen ihr Angebot auch online darstellen, um auch die Patienten zu binden, die neue Kanäle bevorzugen.

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Laut Marburger Bund haben immer weniger Menschen einen Hausarzt, weil sie oft unterwegs sind. Dafür steigen die Patientenzahlen in den Notaufnahmen. Wie sieht eine Arzneimitteltherapie aus, wenn sich Arzt und Patient nicht mehr kennen?

Da kommt nun der gläserne Patient ins Spiel. In einer globalisierten Welt ist es ein enormer Vorteil, wenn ich – zum Beispiel über die elektronische Patientenakte – alle meine Gesundheitsdaten immer bei mir habe. Dann ist es egal, wo ich zu welchem Arzt gehe, dann sind alle auf demselben Stand.

Viele Menschen haben heute einen ganz anderen Lebenswandel als noch vor einigen Jahren. Sie arbeiten hier, leben da und morgen schon wieder ganz woanders. Wie moderne Nomaden. Wenn denen um ein Uhr nachts einfällt, dass sie gerade Zeit für einen Arztbesuch haben, gehen die natürlich einfach in die Klinik. Und das meist mit Bagatellerkrankungen. Noch ist das eine Last fürs System. Wir sollten aber die Marktlücke sehen: Diese Menschen brauchen einfach eine flexiblere Form medizinischer Versorgung. In den USA gibt es die Möglichkeit, rund um die Uhr mit einem Mediziner zu telefonieren oder ihn sogar zu sehen. Man muss es nur extra bezahlen. Vielleicht klappt das irgendwann ja auch hier.

Interview: Holger Wannenwetsch

Bildnachweis: © Jan-Timo Schaube/Bildschön

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