Im Alter gut gepflegt

Aus: Arzneimittelpunkt Ausgabe 4, 2019

Menschen wollen in Würde altern – auch wenn sie pflegebedürftig werden. Wie kann das angesichts der demografischen Entwicklung gelingen?

Eine große Wohnküche in Berlin-Wilmersdorf, hell und freundlich. Bunte Bilder an der Wand, rote Blumen auf dem Tresen. Drei Senioren sitzen am großen Küchentisch und spielen Karten. Zwei andere unterhalten sich bei einer Tasse Kaffee. Die Bewohner sind alle jenseits der 80, teils über 90, sie haben alle Demenz in unterschiedlichen Stadien.

„Wir sind hier in einer von insgesamt 14 Pflege-WGs, die wir in Berlin ambulant versorgen. Das heißt: Wir sind als Pflegedienst hier zu Gast“, erklärt Anett Hüssen. Sie ist Geschäftsführerin des ambulanten Pflegedienstes Dietmar Depner. Die Mitarbeiter erbringen Pflegeleistungen wie Hilfe bei der Körperpflege und haushaltsnahe Dienstleistungen, zum Beispiel Wäschewaschen oder -legen. Wichtig dabei: Die Bewohner sollen möglichst selbstständig bleiben und selbstbestimmt leben können. Tagsüber sind für all diese helfenden Aufgaben immer zwei Pflegeassistenten vor Ort, nachts einer. Mehrfach am Tag kommt zudem eine ausgebildete Pflegefachkraft in die Wohngemeinschaft und versorgt die Bewohner medizinisch. Sie verabreicht Arzneimittel, überprüft Blutdruck und Puls.

Individuell betreut, rund um die Uhr

Pflege-WGs sind eine sinnvolle Ergänzung im Angebot der Seniorenpflege. Eine Wohngemeinschaft ist auf zwölf Personen begrenzt. Der Pflege ist es durch diese kleine Anzahl von Bewohnern möglich, stärker die Möglichkeiten des Einzelnen zu fördern und Beziehungen zu gestalten. Wohngemeinschaften werden rund um die Uhr betreut.

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Rund 650 solcher Pflege-WGs gab es 2017 in Berlin, seit 2012 eine Zunahme um mehr als 25 Prozent. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt, dass deutschlandweit über 3.000 solcher Wohngemeinschaften existieren, Tendenz auch hier steigend. Meistens wohnen Menschen mit ähnlichen Erkrankungen, wie zum Beispiel Demenz, zusammen. In einer der Wohngemeinschaften, die der Pflegedienst von Hüssen betreut, gibt es Zimmer für elf Bewohner. Zudem große Gemeinschaftsräume wie Küche und Wohnzimmer, insgesamt knapp 400 qm. Die Bewohner können die WG jederzeit verlassen, wenn sie möchten und alleine dazu in der Lage sind. Niemand wird in einen vom Pflegedienst vorgegebenen Takt gezwungen. „Hier müssen nicht alle um 8:30 Uhr am Frühstückstisch sitzen“, erzählt Hüssen. „Wir versuchen natürlich, die Menschen zu mobilisieren und zu motivieren, aber wenn jemand an einem grauen Tag partout nicht aus dem Bett will, dann darf er dort auch bleiben.“ Täglich wird frisch gekocht, die Bewohner können den Speiseplan mitbestimmen. Hier gestaltet man aber nicht nur das Menü aktiv mit. Auch an der Zubereitung der Speisen kann und soll jeder Bewohner im Rahmen seiner Möglichkeiten teilhaben. „Die Klienten sind hier zu Hause und dürfen all das, was sie von früher her gewohnt sind, fortführen. Die kleinen Dinge des Lebens sind wichtig: Kartoffeln schälen, abtrocknen, Tisch decken. Die Menschen wollen doch zum Alltag beitragen und sie möchten gebraucht werden.“

Eines der großen Themen der Zukunft

Die Bedeutung der Pflege nimmt zu. Waren 2007 rund 2,2 Millionen Deutsche auf Pflege angewiesen, lag die Zahl 2017 bereits bei 3,4 Millionen – eine Steigerung von fast 55 Prozent in zehn Jahren. Und die Entwicklung wird weitergehen, das legt allein die demografische Entwicklung nahe. Die anhaltend niedrigen Geburtenraten und die sinkende Sterblichkeit führen dazu, dass bereits 2030 fast ein Viertel der Deutschen 67 Jahre oder älter sein wird, 2060 bereits fast jeder Dritte. Viele werden pflegebedürftig sein. So erwartet etwa das Institut der Deutschen Wirtschaft bis 2035 einen Anstieg auf über vier Millionen Pflegebedürftige.

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„Die klassische Tour“ nennt Hüssen es, wenn Menschen allein wohnen und nach individuellem Bedarf von einem Pflegedienst besucht werden. Morgens und abends schaut beispielsweise die Hauspflege vorbei, putzt, räumt auf, hilft bei der Körperpflege und beim Anziehen. Ein- oder mehrmals am Tag kommt zudem eine Pflegefachkraft, die medizinisch nach dem Rechten sieht und beispielsweise bei der Gabe von Medikamenten hilft. „Die klassischen Tourenfahrer sind mutige Einzelkämpfer“, erläutert Hüssen. „Sie steigen morgens in ihr Auto, versorgen die Menschen auf ihrer Tour und beenden den Dienst im Büro. Es braucht Mut, allein zu Patienten zu gehen und dann auch mit einem eventuellen Notfall klarzukommen.“
 
Umso wichtiger sind enge Absprachen mit anderen Beteiligten, insbesondere mit Ärzten, welche die Pflegebedürftigen betreuen.

Arzneimittelversorgung: Ärzte und Pflegedienste arbeiten Hand in Hand

Einer dieser Ärzte ist Dr. Ivo Grebe, Internist in Aachen. Es ist Mittwoch, 9:37 Uhr, in der Praxis herrscht reges Treiben. Das Telefon klingelt, das Faxgerät piept. Die Arzthelferin erscheint im Türrahmen des Behandlungszimmers. „Frau Baur hat sich heute Morgen zweimal übergeben. Fax vom Pflegedienst ist gerade gekommen.“ Grebe nimmt das Fax und legt es auf seinen Schreibtisch. „Danke. Können Sie den Pflegedienst in einer halben Stunde anrufen und mich dann durchstellen?“

Die Absprache mit Pflegediensten gehört zur täglichen Routine in der Praxis. Grebe erläutert: „Wir haben viele Patienten, die ambulant gepflegt werden. Manche sind noch so weit mobil, dass sie für ihre Termine in die Praxis kommen. Wenn nötig, machen wir aber auch Hausbesuche.“ Per Fax, E-Mail oder WhatsApp wird mit den Pflegediensten kommuniziert. „Ich schicke einen geänderten Medikationsplan an den Pflegedienst. Der Pflegedienst gibt mir durch, dass es Frau Meier nicht so gut geht und eventuell die Insulindosis verändert werden sollte. Oder ich bekomme Bilder von einer Wunde, die ich begutachten soll.“

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Ein wichtiger Teil ist die Arzneimittelversorgung. „Die Überwachung der Medikation ist eine der schwierigsten Aufgaben in der Pflege“, sagt Grebe. Pflegebedürftige sind häufig multimorbid, das heißt, sie haben mehrere Krankheiten und müssen viele Arzneimittel nehmen. Grebe nennt ein Beispiel aus der Praxis: „Jemand hat einen Schlaganfall und wird pflegebedürftig. Er ist vielleicht schon Diabetiker und braucht Insulininjektionen. Und zugleich hat er einen zu niedrigen Blutdruck und bekommt dafür Medikamente. Da fängt es an, komplex zu werden.“

Einen Medikationsplan richtig befolgen können viele Pflegebedürftige nicht mehr. Dann kommt der ambulante Pflegedienst ins Spiel.

Er stellt die Medikamente für den Tag oder die Woche zusammen und überwacht mitunter auch die Einnahme. Bei Bedarf organisieren die Pflegedienstmitarbeiter auch das neue Rezept beim Arzt und übermitteln die Bestellung an eine Apotheke, welche die Mittel dann liefert. Bei Arzneimitteln, die etwa gespritzt oder inhaliert werden müssen, leisten die Pflegefachkräfte Hilfe.

Die Herausforderungen sind enorm und nicht immer offensichtlich. Grebe erläutert: „Patienten sind oft verunsichert, wenn sie andere als die gewohnten Arzneimittel einnehmen sollen. Ein großes Problem ist es beispielsweise, wenn Patienten, etwa durch neue Rabattverträge der Krankenkassen mit den pharmazeutischen Unternehmen, einen Wirkstoff von einem anderen Hersteller erhalten. Die Tablette gegen den Bluthochdruck ist dann zum Beispiel plötzlich nicht mehr blau, sondern rosa. Das kann Auswirkungen auf die Therapietreue haben.“ Rabattverträge sollen die Kosten im Gesundheitssystem senken, indem Hersteller von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln den Krankenkassen Rabatte gewähren und sie dann im Gegenzug exklusiv beliefern. Die Apotheke ist dann bei der Verschreibung an das Mittel eines bestimmten Herstellers gebunden. Nach ein paar Jahren läuft der Rabattvertrag aus, ein neuer – vielleicht mit einem anderen Hersteller – wird geschlossen – und die Tablette sieht plötzlich anders aus.

Ärzte und Pflegedienste müssen in einem solchen Falle mühsame Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit leisten, damit Patienten ihre Medikamente weiterhin einnehmen. Grebe ergänzt: „Man mag es kaum glauben, aber viele Pflegebedürftige beschäftigen sich intensiv mit den Arzneimitteln, schauen sich die Packung und die Tabletten genau an. Sie haben ja Zeit und oft Langeweile. Wenn ihnen etwas komisch vorkommt, dann nehmen sie die Mittel oft einfach nicht mehr.“

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Ein weiteres Thema sind Darreichungsformen. Grebe: „Da muss man sich individuell an den Patienten herantasten. Wenn jemand noch gut schlucken kann, sind Tabletten kein Problem. Wenn das nicht geht, brauchen wir das Medikament in flüssiger oder anderer Form.“ Auch Hüssen kennt die Probleme aus der Pflegepraxis: „Weil es nicht alle Wirkstoffe in flüssiger Form gibt, wäre es sehr hilfreich, wenn zumindest alle Tabletten gemörsert werden könnten. Außerdem werden Demenzerkrankte schnell misstrauisch, etwa wenn die Tabletten anders aussehen als gewohnt oder bitter schmecken.“

Hohe Qualität der Pflege in Deutschland erhalten

Grebe ist überzeugt: „Das System der ambulanten Pflege hat sich bewährt. Für die allermeisten Patienten hat sich seit Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 eine extrem gute Versorgung entwickelt.“ Umfragen geben ihm Recht. So beurteilen laut BAH-Gesundheitsmonitor 2019 mehr als zwei Drittel der Menschen, die selbst oder deren Angehörige in den letzten zwölf Monaten eine ambulante oder stationäre Unterstützung bei der Pflege in Anspruch genommen haben, deren Ausstattung als angemessen. Knapp zwei Drittel sind mit der Qualität der Pflege hierzulande zufrieden.

Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, will dafür sorgen, dass das so bleibt. „Sorgen bereitet mir natürlich, dass wir immer öfter hören, dass Pflegebedürftige keinen Pflegedienst finden oder dass sogar bereits bestehende Verträge gekündigt werden.“

Wie kaum eine andere Branche leidet die Pflege unter Fachkräftemangel. Das Institut der Deutschen Wirtschaft schätzt, dass Deutschland im Jahr 2035 fast 500.000 Pflegekräfte brauchen wird – das sind 44 Prozent mehr als heute. Westerfellhaus fügt an: „Der Pflegeberuf ist ein großartiger, abwechslungsreicher und verantwortungsvoller Beruf. Dennoch brennen Pflegekräfte in der Praxis zu häufig aus und verkürzen die Arbeitszeit oder verlassen den Beruf gleich ganz. Diesen Pflegekraft-Exodus müssen wir stoppen und umkehren.“

Um den Herausforderungen zu begegnen, hat die Bundesregierung partei- und ressortübergreifend die Konzertierte Aktion Pflege ins Leben gerufen. Ziel ist es, bis zum Juni 2019 Verbesserungsmaßnahmen für die Pflege zu vereinbaren. Es geht aber auch um die Entwicklung von Ideen für eine neue Aufgabenverteilung zwischen Pflegekräften, Ärzten und anderen Gesundheitsberufen. Der Plan ist, dass alle Beteiligten sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren.

Zukunft der Pflege: Digital und individuell

In einem Punkt sind sich alle einig: Die Digitalisierung wird auch für die Pflege neue Möglichkeiten schaffen. Hüssen: „Ich will auf elektronischem Weg die Genehmigung für eine Verordnung haben. Heute ist es so: Der Arzt verordnet eine Pflegeleistung, der Patient muss das unterschreiben, dann geht es an die Krankenkasse, wird genehmigt und erst dann können wir abrechnen. Das ist immer noch sehr viel Papier.“ Grebe sieht es ähnlich: „Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegediensten bedeutet immer noch, dass man relativ viel Papier abarbeitet.“

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Ähnliches gilt für ein elektronisches Rezept, das der Arzt etwa per E-Mail oder App direkt an die beliefernde Apotheke vor Ort senden kann. Die Apotheke bereitet alles vor und liefert die Arzneien an die Pflegebedürftigen. Gerade im Pflegebereich ist das sinnvoll. Hüssen erklärt: „Wir arbeiten eng mit Apotheken zusammen, die nah an den von uns versorgten Pflege-WGs angesiedelt sind und auch mal kurzfristig etwas liefern können.“

Westerfellhaus hat das Thema im Blick. Vorrang hat für ihn die elektronische Patientenakte, die ab 2021 für alle Patienten verfügbar sein soll. Das Ziel: In einer elektronischen Akte sind alle Informationen zu Vorerkrankungen, früheren Behandlungen und Medikamenten eines Patienten hinterlegt; alle Behandelnden – von Ärzten bis hin zum Pflegedienst – können die Informationen jederzeit einsehen und sind so immer im Bilde. Westerfellhaus erläutert: „Die elektronische Patientenakte ist der Dreh- und Angelpunkt für eine zeitgemäße Behandlung. Sie kann die Zusammenarbeit der Behandler untereinander und mit dem Pflegebedürftigen erheblich erleichtern.“

Bleibt die Frage: Wie lassen sich immer mehr Pflegebedürftige mit begrenzten Ressourcen und Fachkräften würdevoll pflegen? Grebe meint dazu: „Die allermeisten würden sagen: Wir brauchen mehr Geld. Ich würde einen anderen Ansatz wählen. Ich denke daran, einen Verbund der nachbarschaftlichen Hilfe für Pflegebedürftige zu schaffen, den man mit einer geringen finanziellen Förderung konsequent unterstützt.“ Professionelle Pflegedienste würden entlastet und könnten sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren – der gesellschaftliche Zusammenhalt würde gestärkt.

Westerfellhaus setzt auf mehr Unterstützung für ehrenamtlich tätige Pflegepersonen, etwa pflegende Angehörige. „Die Pflegeversicherung bietet hier schon vielfältige Unterstützungs- und Entlastungsangebote. Ich habe außerdem den Vorschlag eines Pflege-Copiloten vorgelegt. Dieser soll Pflegebedürftige und ihre Angehörigen beraten, unterstützen und begleiten.“

Der Pflegebevollmächtigte verweist zudem auf neue innovative Konzepte wie das aus den Niederlanden kommende „Buurtzorg“, was so viel wie Nachbarschaftshilfe heißt. Dabei kümmern sich kleine Teams von vier bis zehn Pflegekräften eigenverantwortlich und selbstorganisiert um Pflegebedürftige in einem kleinen Gebiet, etwa einem Stadtviertel. Das Ziel: eine individuelle und persönliche Pflege, mehr Entscheidungskompetenz und damit mehr Motivation für Pflegekräfte.

Hüssen hingegen sieht es nüchtern: „Was ich mir von der Politik wünschen würde? Es ist gut, dass die Themen nun endlich in Politik und Gesellschaft angekommen sind. Miteinander sprechen ist ein guter Anfang. In diesem Markt mit seinen Besonderheiten zu Preisen und Vergütungen wünsche ich mir mehr konstruktive Lösungen und weniger Regulierungen.“

Inzwischen hat die Dämmerung eingesetzt, die meisten Bewohner der Demenz-WG in Berlin-Wilmersdorf sind auf ihren Zimmern, dösen etwas oder sehen fern. Eine Pflegedienstmitarbeiterin bereitet in der Küche mit Hilfe einer Bewohnerin das Abendbrot vor. Die Bewohnerin deckt den Tisch. Sie bringt jede Tasse und jeden Teller einzeln. Die Mitarbeiterin hilft ihr beim Anordnen. Sie sind ein eingespieltes Team. Es riecht nach Bratkartoffeln und Pfefferminztee.

Text: KK und Christof Weingärtner

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