Digitalisierung: Viele gute Ansätze, aber noch fehlt das System

Aus: Arzneimittelpunkt Ausgabe 4, 2019

Während private Initiativen sehr umtriebig sind, kommen Politik und Selbstverwaltung bei der Digitalisierung nur im Schneckentempo voran

Die Medizin der Zukunft soll prädiktiv, präventiv und passgenau sein – und das Leben Erkrankter vereinfachen. Möglich machen soll es die Digitalisierung. Big Data und Künstliche Intelligenz spielen in diesem Konzept eine Schlüsselrolle. Es geht um Prävention, Diagnose und Therapie. In nahezu allen Bereichen der Gesundheitsversorgung gibt es mittlerweile eine Unmenge digitaler, aber meist wenig koordinierter Neuentwicklungen. Einige Beispiele zeigen, wie vielfältig unterschiedlich Akteure – private wie öffentliche – das Abenteuer Digitalisierung anpacken und mit welchen Hürden sie dabei konfrontiert sind.

 „Im Juni 2009 hat meine Bauchspeicheldrüse fristlos gekündigt. Plötzlich hatte ich einen neuen Vollzeitjob – ich durfte mich fortan selbst um meinen Blutzuckerspiegel kümmern.“ Stephanie Haack, Ende 20, ist Bloggerin, Autorin – und Typ 1-Diabetikerin. Die Probleme von Diabetikern: Punktuelle Messungen des Blutzuckers erfordern ein hohes Maß an Selbstdisziplin und einen durchgetakteten Tagesablauf. Sie dokumentieren aber keine Verläufe. Insbesondere Kinder mit Typ 1-Diabetes, die ihre Erkrankung noch nicht selbst kontrollieren können, und Menschen mit starken Stoffwechselschwankungen lassen sich so nicht exakt therapieren. Messungen und Spritzen verursachen permanente Gewebeverletzungen und Schmerzen an den Fingern und anderen Körperstellen.

Abhilfe leisten sogenannte FGM- (Flash Glucose Monitoring) oder CGM- (Continous Glucose Monitoring) Systeme. Dabei platziert man einen kleinen Sensor unter der Haut und fixiert ihn mit einem Pflaster. Der Sensor misst den Blutzuckergehalt kontinuierlich Tag und Nacht. Ein kleines Gerät, manchmal auch das Smartphone, zeigt das Ergebnis. CGM-Systeme sind zudem mit digitalen Insulinpumpen verbunden, die ständig am Körper getragen werden und ihm, gesteuert etwa über eine Smartphone-App, bedarfsabhängig Insulin zuführen.

Gerade bei schwereren Erkrankungen soll‘s die Digitalisierung bringen

Diabetes ist eine chronische Stoffwechselerkrankung. Die Problematik bei noch schwereren Erkrankungen verdeutlichen Zahlen am Beispiel Krebs: So schätzt die World Health Organization (WHO) die Anzahl weltweiter Krebstoter für 2018 auf 9,6 Millionen Menschen und die Kosten von Krebs im Jahr 2010 auf 1,16 Trillionen US-Dollar. Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) zum Jahr 2014 ließen sich 222.972 Todesfälle auf Krebs zurückführen, erkrankten 476.120 Menschen neu an Krebs und lebten 1,55 Millionen Krebskranke in Deutschland. „Bei der Behandlung von Krebs bleibt momentan eine große Zahl der individuellen Angriffsziele unberücksichtigt. Gerade hier gibt es noch einen hohen Innovationsbedarf und viele Möglichkeiten, präzisere Arzneimittel zu entwickeln“, sagt Sean Marett, Chief Business Officer (CBO) und Chief Commercial Officer (CCO) bei BioNTech. Das Mainzer biopharmazeutische Unternehmen hat sich auf die Immunonkologie spezialisiert. Es verwendet Big Data und Künstliche Intelligenz vor allem für die Identifizierung der Angriffsziele, der Krebs-Treibermutationen, die sich für eine Therapie eignen.

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BioNTech sieht größere Versorgungslücken bei Krankheiten mit hohem medizinischem Bedarf, „für die es keine zufriedenstellende zugelassene Diagnose-, Präventions- oder Behandlungsmethode gibt oder, selbst wenn eine solche Methode existiert, ein verbessertes Arzneimittel für die Betroffenen von großem therapeutischem Nutzen sein kann“, präzisiert Marett. Das treffe nicht nur auf Krebs, sondern insbesondere auch auf chronische Erkrankungen zu.

Noch nicht krank, aber auf gutem Weg dahin? Welchen Stellenwert die Lebensführung als Krebsursache hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. Bei anderen Erkrankungen ist man sich sicher, dass ein ungesunder Lebensstil ihre Entstehung begünstigt. Der Bedarf an Prävention gerade bei den sogenannten Zivilisationskrankheiten ist da: In mehreren Umfragen des BAH-Gesundheitsmonitors zwischen 2013 und 2018 haben sich im Mittel 39 Prozent aller Deutschen als übergewichtig bezeichnet.  Übergewicht ist ein wichtiger Einflussfaktor bei der Entstehung von Diabetes Typ 2. Und laut BKK-Gesundheitsreport waren im Jahr 2016 Rückenschmerzen häufigster Anlass für Arbeitsunfähigkeitstage.

Dabei gibt es Anreize für einen gesunden Lebensstil. Zum Beispiel schicke digitale Fitnesshelfer, die stark an die Armbänder und Uhren erinnern, wie sie Captain Kirk und seine Crew schon in den 1960er Jahren an Bord des Raumschiffes Enterprise getragen haben. Also zurück in die Zukunft? Das Internetportal statista.com schätzt für 2019 und Deutschland bei den sogenannten Apps und Wearables, die rein für Sport, Fitness oder Ernährung – also ohne konkrete medizinische Zweckbestimmung – angeboten werden, den Umsatz auf etwa 448 Millionen Euro und die Nutzer auf 22 Millionen. Prognostiziert wird im Jahr 2023 ein Marktvolumen von 511 Millionen Euro.

Erstattung und Datenschutz sind die kritischen Faktoren

Digitale medizinische Helfer, die einen konkreten medizinischen Zweck verfolgen, wie Blutzucker-Messgeräte und Insulinpumpen, unterliegen den Reglementierungen des Medizinprodukterechtes.
 
Damit ist das Thema für Hersteller aber noch nicht durch. Damit sich die Hersteller den Markt der gesetzlich Krankenversicherten erschließen können, müssen die Krankenkassen das Produkt auch erstatten. „Die Kassen übernehmen nur in bestimmten Fällen die Kosten. Kinder und Jugendliche mit Typ 1-Diabetes erhalten oft leichter eine Insulinpumpe als Erwachsene“, sagt Dr. Thomas Danne, Chefarzt am Kinderkrankenhaus auf der Bult und Lehrer an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Für die Messgeräte gilt: FGM-Systeme, die nicht mit einer Insulinpumpe verbindbar sind, sind grundsätzlich keine Kassenleistung. Manche Krankenkassen erstatten sie trotzdem. Für CGM-Geräte hat der Gemeinsame Bundesausschuss, das zentrale Selbstverwaltungsgremium in der deutschen Gesundheitspolitik, die Erstattung zumindest für Typ 1-Diabetiker vorgesehen.

Eine andere Hürde stellen Regelungen zum Schutz patientenbezogener Daten dar. Bei BioNTech versucht man, aus der Not eine Tugend zu machen und den Datenschutz weniger als Barriere, sondern mehr als Wettbewerbsinstrument aufzufassen. Marett: „Die Harmonisierung und Schaffung eines einheitlichen Datenschutzniveaus in Europa sehen wir durchaus positiv. Die hohen Anforderungen können auch ein internationales Alleinstellungsmerkmal bieten und Vertrauen fördern.“

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Die Hersteller von Apps und Wearables sind beim Datenschutz deutlich „entspannter“. Als die Stiftung Warentest Ende 2017 insgesamt 13 Fitnessarmbänder, Laufuhren und Smartwatches untersuchte, erhielten gleich elf Geräte beim Datensendeverhalten eine „kritische“ Bewertung. Die Bilanz: „Hochmodern, aber extrem neugierig: Die Anbieter räumen sich weitgehende Rechte an den Nutzerdaten ein. Es geht um sensible Messwerte, wie Pulsfrequenz oder Aufenthaltsort, die erhoben und auch an Drittfirmen gesendet werden.“ Wie intensiv der Datenschutz auch ausfällt, mal ist es vielleicht des Guten zu viel, mal deutlich zu wenig – er bleibt ein kritischer Erfolgsfaktor für die Digitalisierung.

Politik und Selbstverwaltung wollen jetzt nachziehen

Wie gehen Politik und Selbstverwaltung das Thema Digitalisierung an? Beispiel Telematik: Laut Gesetz von 2003 – die Bundesgesundheitsministerin hieß damals Ulla Schmidt – sollte die elektronische Gesundheitskarte (eGK) spätestens zum 1. Januar 2006 eingeführt werden. Ziel: eine sichere, sektorenübergreifende, digitale Vernetzung des Gesundheitswesens. Grundlage ist die sogenannte „Telematikinfrastruktur“, eine Art geschützter Datentunnel für den Transport sensibler Gesundheitsdaten zur Kommunikation zwischen Leistungserbringern, Kostenträgern und Patienten. Eine der geplanten Anwendungen ist die elektronische Patientenakte (ePA), in der zum Beispiel Befunde, Therapiemaßnahmen und Impfungen dokumentiert werden sollen. Umsetzen soll es die „Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte“ (gematik), eine Institution der gemeinsamen Selbstverwaltung. Weil die sich aber uneins war, wurde die eGK erst 2015 eingeführt, nach Philipp Rösler und Daniel Bahr in der Amtszeit von Hermann Gröhe, also drei Bundesgesundheitsminister später. Heute trägt die eGK unter Minister Jens Spahn immerhin ein Foto des Versicherten auf der Vorderseite und die europäische Krankenversicherungskarte auf der Rückseite. Von einem „Milliardengrab“ und vom „BER des Gesundheitswesens“ ist die Rede, in Analogie zum gescheiterten neuen Berliner Flughafen.

Ab sofort soll es schneller gehen: Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) soll die eGK zunächst mit Notfalldaten und Medikationsplan nun so schnell wie möglich zum Einsatz kommen. Und spätestens ab 2021, so Spahn, soll jeder gesetzlich Versicherte seine Patientenakte digital auf dem Handy lesen können. Spahn will die Sache selbst in die Hand nehmen und hat das BMG zum Mehrheitsgesellschafter an der gematik gemacht. Zwischenzeitlich schaffen viele Krankenkassen eigene Angebote einer elektronischen Gesundheitsakte (eGA). Damit drohen auch hier unüberschaubare Insellösungen mit der Gefahr uneinheitlicher Formate und Standards.

Manchmal ist eine Lösung von der Insel aber besser als gar keine: „In den letzten Jahren hat sich mein Alltag komplett gewandelt: Statt schmerzhaften Fingerpiksens trage ich nun einen Sensor, der kontinuierlich meinen Gewebezucker misst und diese Information an mein Smartphone, sogar an meine Smartwatch sendet. Statt mühsamen Tagebuchführens bekomme ich automatisch Analysen. Der technologische Fortschritt hat meine Diabetes-Therapie grundlegend verändert und mir ein großes Maß an Lebensqualität geschenkt“, zieht Stephanie Haack ein positives Fazit aus ihren Erfahrungen mit der Digitalisierung.

Text: Holger Wannenwetsch

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Ein weiterer Beitrag aus dem Magazin „Arzneimittelpunkt“ zum Thema digitale Zukunft.

Hier geht es zum Beitrag aus dem Magazin „Arzneimittelpunkt“.

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