Digitalisierung: Neue Möglichkeiten für die Therapiebegleitung

Aus: Arzneimittelpunkt 01/18

Die Digitalisierung verändert den Alltag. Online shoppen, Bankgeschäfte per App erledigen, die Heizung per Smartphone von unterwegs steuern – für viele Menschen ist das schon selbstverständlich geworden. Auch der Gesundheitssektor erlebt derzeit eine digitale Revolution – auf verschiedenen Ebenen. Neue Angebote wie Gesundheits-Apps oder telemedizinische Dienste haben das Potenzial, die Gesundheitsversorgung grundlegend zu verändern. Die Erhebung und Vernetzung von Daten ermöglicht den gezielteren Einsatz von Therapien. Patienten profitieren, doch sie müssen im wachsenden digitalen Markt auch den Überblick behalten. Beim Ausbau der digitalen Versorgungsmöglichkeiten ist auch die Politik in der Pflicht, die richtigen Weichen zu stellen.

Allein in Deutschland gibt es inzwischen gut 100.000 Gesundheits-Apps. Das Angebotsspektrum reicht von Apps, die etwa Schlaf- und Aktivitätsmuster, das Stresslevel oder den Herzrhythmus aufzeichnen, über digitale Schrittzähler bis hin zu Programmen, die die Dosierung von Medikamenten berechnen. Zudem erkennen Diagnose-Apps beispielsweise anhand von Fotos, ob ein Leberfleck harmlos ist oder besser die Meinung eines Arztes eingeholt werden sollte.

Gesundheits-Apps befördern Therapietreue

Das Potenzial ist riesig und wird unter anderem für die Therapiebegleitung genutzt. Beispiel OP-Nachsorge: Apps können den Genesungsprozess nach einer Operation verbessern, indem sie etwa regelmäßig wichtige Gesundheitsdaten des Patienten messen und an den betreuenden Arzt melden. So lassen sich Komplikationen frühzeitig erkennen. Beispiel Therapietreue: Zusammen mit einem Arzneimittel erhält der Patient eine App, die ihn an die Einnahme erinnert und Empfehlungen zu Ernährung und Bewegung gibt – individuell auf seine Lebensgewohnheiten abgestimmt. Weltweit bieten bereits mehr als die Hälfte der Arzneimittel-Hersteller solche „Companion Apps“ an, um die Therapie der Patienten zu unterstützen.

Orientierung im digitalen Dschungel nötig

Gleichwohl hat es bislang noch keine App in die Regelversorgung der Krankenkassen geschafft. Nur einige wenige Apps werden im Rahmen von Selektivverträgen erstattet. Auch gibt es noch für praktisch keine App eine klinisch-wissenschaftliche Evaluierung. Eine einheitliche Zertifizierung gibt es ebenso wenig. Zwar müssen in Deutschland Apps, die in Diagnostik und Therapie eingreifen, als Medizinprodukte klassifiziert und zugelassen werden. Doch die Grenze zwischen reiner Wellnessanwendung und Medizinprodukt ist für Patienten nicht immer klar zu erkennen. Im unübersichtlichen Markt der Gesundheits-Apps bleiben Patienten so weitgehend sich selbst überlassen. Für Medical Apps fehlt ein Verfahren, das eine Aussage über Nutzen und Datensicherheit ermöglicht. Bei sinnvollem Einsatz liefern Medical Apps Daten, die – richtig vernetzt und ausgewertet – die Qualität von Prävention, Therapie und Pflege verbessern können.

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Telemedizin: Der Arztkontakt wird digital

Klar ist daher: Ärzte und Apotheker bleiben unersetzbare Ansprechpartner in Gesundheitsfragen, auch um Patienten bei der Nutzung von Gesundheits-Apps zu beraten. Digitale Technologien bieten aber auch Möglichkeiten, um den Kontakt zwischen Patient und Arzt effizienter zu gestalten und dem Gesundheitssystem Geld zu sparen.

In der Schweiz eröffnete im September 2017 die erste Apotheke mit einer telemedizinischen Versorgungseinheit. Passanten können ohne Termin in die Apotheke kommen, um kleinere Verletzungen oder Bagatellbeschwerden behandeln zu lassen. Hält der Apotheker es für erforderlich, wird ein Arzt per Video-Chat hinzugeschaltet. Laboruntersuchungen können direkt vor Ort gemacht und Rezepte binnen Minuten überstellt werden. In Deutschland prüft die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg seit März 2018 im Modellprojekt „DocDirekt“, ob Patienten bei Bagatellerkrankungen einen Telearzt in Anspruch nehmen, anstatt die Notfallambulanz eines Krankenhauses aufzusuchen.

Vernetzung

Digitale Technologien können ihren vollen Mehrwert erst dann entfalten, wenn wichtige gesundheitsbezogene Daten in elektronischer Form vorliegen. Das gilt beispielsweise für den elektronischen Medikationsplan. Patienten profitieren von der Digitalisierung dann, wenn die relevanten Akteure – wie etwa Arzt, Apotheke und Pflegeheime – miteinander vernetzt sind. Nicht zuletzt braucht auch die Digitalisierung im Gesundheitswesen eine gute Infrastruktur in Form von leistungsstarken und flächendeckenden Netzen in Deutschland.

Gesundheit 4.0 kommt

Die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung steht hierzulande noch am Anfang. Das wird deutlich, wenn man in die USA blickt: Dort wurde 2017 erstmals eine Tablette zugelassen, die mithilfe eines integrierten Sensors meldet, wenn sie eingenommen wurde. Kommt die Tablette mit der Magensäure in Kontakt, sendet sie ein elektrisches Signal an ein Pflaster auf der Haut des Patienten, das wiederum die Einnahme per Bluetooth an eine App bestätigt. Wenn der Patient zustimmt, kann auch der behandelnde Arzt auf die Daten zugreifen. Seit 2016 ist in den USA zudem das weltweit erste Arzneimittel aus dem 3-D-Drucker auf dem Markt. Die Technologie eröffnet völlig neue Möglichkeiten: So lässt sich beispielsweise die Wirkstoffmenge individuell auf das Gewicht eines Patienten anpassen. Die Vision: Krankenhäuser drucken sich künftig ihre Medikamente selbst – gemäß ihrem Bedarf und ganz auf die Bedürfnisse der Patienten abgestimmt.

Digitalisierung verändert die Gesundheitsversorgung: Vier Beispiele

[glossar] Künstliche Bauchspeicheldrüse für Diabetiker :::
Patienten mit Typ-1-Diabetes müssen mehrmals täglich ihren Blutzucker messen – im Alltag eine erhebliche Einschränkung. Eine neue digitale Anwendung mit dem Namen „Hybrid-Closed-Loop“ soll für Erleichterung sorgen. Das kleine Gerät wirkt wie eine künstliche Bauchspeicheldrüse: Es misst den Blutzuckerspiegel, dosiert und gibt automatisch Insulin ab. [/glossar]

[glossar] App für Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) :::
In einer eigens entwickelten App können Patienten mit CED detailliert Allgemeinbefinden, Schmerzen, Symptome sowie Informationen zu Stuhlgängen und zur Medikamenteneinnahme erfassen. Die Daten werden ausgewertet und beim nächsten Arztbesuch besprochen. [/glossar]

[glossar] App verbessert Therapietreue bei Älteren :::
Ältere Patienten nutzen immer selbstverständlicher das Internet oder Smartphones. Das Berliner Universitätsklinikum Charité untersucht, wie Apps die Therapietreue in dieser Patientengruppe steigern können. Inzwischen wurde die dabei entwickelte App „MyTherapy“ auch für Patienten angepasst, die eine Niere transplantiert bekommen haben. [/glossar]

[glossar] Roboter, der Medikamente verabreicht :::
In Deutschland arbeiten Forscherteams an einem wenige Millimeter großen Roboter, der Medikamente genau an die Stelle im Körper bringen kann, wo sie gebraucht werden, etwa im Unterleib. [/glossar]

Text: Christof Weingärtner / KK

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