Wer nicht fragt, bleibt dumm: Der informierte Patient

Aus: Arzneimittelpunkt 01/18

Patienten sind heutzutage informierter und selbstbestimmter. Sie möchten die Gesundheitsversorgung mitgestalten. Was sind die Chancen und Risiken dieser Entwicklung?

Menschen achten zunehmend auf ihre Gesundheit. Mehr noch: Sie tun auch vieles dafür, um erst gar nicht krank zu werden. Ob Sport, eine ausgewogene Ernährung oder regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen – diese Dinge sind für viele selbstverständlich und ein fester Bestandteil ihres Lebensstils.

Gesundheitsvorsorge als Aufgabe des Einzelnen

Dazu passt, dass inzwischen zwei Drittel der Deutschen die Gesundheitsvorsorge als Aufgabe eines jeden Einzelnen ansehen und nicht als die des Staates. Das ergab eine repräsentative Befragung des BAH-Gesundheitsmonitors aus dem dritten Quartal 2017. Der Großteil ist also bereit, rund um das Thema Gesundheit aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Der Trend zum selbstbestimmten Patienten zeigt sich auch in der Selbstmedikation. Schon heute enthält jede zweite in der Apotheke abgegebene Arzneimittelpackung ein rezeptfreies Medikament – Tendenz steigend. Zwischen 2013 und 2017 ist der Absatz an rezeptfreien Arzneimitteln um 4,4 Prozent gestiegen.

Arzt-Audienz versus gemeinsame Therapieentscheidung

Patienten sind nicht nur bereit, in ihre Gesundheit zu investieren. Sie zeigen sich auch immer interessierter an diesem Thema: Fast jeder zweite Deutsche gibt an, sich heutzutage häufiger über Gesundheitsthemen zu informieren, als es noch vor zwei bis drei Jahren der Fall war. Nur jeder siebte informiert sich seltener, laut einer Umfrage des BAH-Gesundheitsmonitors, zweites Quartal 2017. Das hat deutliche Auswirkungen.

[TRENNER]

Die Zeiten der Arzt-Audienz mit scheinbar unmündigen Patienten sind vorbei. Der informierte Patient bietet Chancen für eine gute gemeinsame Therapieentscheidung. Ihm ist beispielsweise mehr Eigenverantwortung zuzutrauen. Der Patient kann bereits mit bestimmten Fragestellungen an den Arzt oder Apotheker herantreten und sich viel umfassender über Therapiealternativen informieren. Dies begünstigt letztendlich das Shared-Decision-Making – also die gemeinsame Therapieentscheidung von Arzt und Patient. Je mehr ein Patient in den Entscheidungsprozess eingebunden sei, desto mehr trage er die Entscheidung des Arztes auch mit, meint Prof. Dr. med. Martin Scherer, Allgemeinmediziner und Direktor des Instituts und der Poliklinik für Allgemeinmedizin in Hamburg.

„Wir können nicht in die Zukunft schauen. Doch alle Entscheidungen, die wir heute in der Medizin treffen, sind in die Zukunft gerichtet. Deshalb muss ich als Betroffener das Gefühl haben, dass das, was hier heute im Arzt-Patienten-Gespräch besprochen wurde, meine Entscheidung ist und war. Das geht nur, wenn ich nach ausreichender Information aktiv am Entscheidungsprozess teilgenommen habe. Der große Vorteil dieses gemeinsamen Entscheidungsprozesses ist, dass Arzt und Patient hinsichtlich der Sachinformationen, aber auch der Ziele und Wertvorstellungen, einen Abgleich vornehmen und somit noch besser an einem Strang ziehen können“, sagt Scherer zum Shared-Decision-Making.

Seriöse Infos – aber wo?

Gesundheitsinformationen gibt es wie Sand am Meer, gerade im Internet. Aber wie erkennt ein Patient, ob die Informationen vertrauenswürdig sind? Laut der Stiftung Gesundheitswissen sollten sich Patienten sechs Fragen bei der Recherche im Netz stellen: Wer ist der Absender der Informationen? Welche Ziele hat die Webseite? Gibt es für die Aussagen Belege? Werden die Informationen regelmäßig aktualisiert? Gibt es Werbung, und wenn ja, wer ist der Sponsor? Sind die Sachverhalte auf der Webseite ausgewogen dargestellt? So erhält der Patient Orientierung im Netz. Aber: Wie viele werden bei der Recherche nach Gesundheitsinformationen im Internet all diese Fragen beantworten können? Um die Informationen richtig einzuordnen und auch auf die jeweilige Situation des Patienten anpassen zu können, sollte der informierte Patient zusätzlich mit einem Apotheker oder Arzt seines Vertrauens Rücksprache halten.

Neue Rollenverteilung

Im Zeitalter des informierten Patienten kann der Apotheker erster Ansprechpartner in Sachen Gesundheit sein. Er ist es aber auch insbesondere für diejenigen, die sich nicht aktiv zu Gesundheitsthemen schlau machen oder mit der Informationsflut überfordert sind. Als Heilberufler kann der Apotheker den Patienten adäquat beraten und gegebenenfalls auch von einer Therapie abraten. Falls nötig, verweist er ihn an einen Arzt. Angesichts des Ärztemangels wird der Apotheker gerade auf dem Land eine wichtige Rolle übernehmen. Oftmals kennt er seine Patienten und kann sie individuell heilberuflich beraten. Auch für den Arzt kann dieses neue Rollenmodell von Vorteil sein: Um leichtere Gesundheitsstörungen kümmert sich der Apotheker. Der Arzt hat dafür mehr Zeit, schwerer Erkrankte zu behandeln und diese mithilfe einer gemeinsamen Therapieentscheidung in die persönliche Gesundheitsversorgung einzubeziehen.

Text: Angelina Gromes

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