Der Apotheker als Lotse

Aus: Arzneimittelpunkt 01/18

Die zunehmende Landflucht ist eine Herausforderung für die Gesundheitsversorgung der Zukunft. Auch Apotheken sind betroffen. Künftig könnte es in Dörfern und Kleinstädten weniger von ihnen geben. Dabei werden Apotheker aufgrund des Ärztemangels besonders benötigt – als Lotsen für die Patienten. Ein Projekt in Rheinland-Pfalz soll die Apotheke vor Ort stärken.

Ein Dorf in Deutschland in den 1960er Jahren. Menschen jeden Alters leben dort. Sie gehen im Dorf zur Arbeit – etwa beim Schuster, Metzger oder Schmied – und danach für den Einkauf in den Tante-Emma-Laden und anschließend für ein Feierabend-Bier in die Gaststätte. Und wer gesundheitliche Beschwerden hat, geht zum Arzt oder in die Apotheke. Die war schon immer da und wird seit Generationen von der gleichen Familie betrieben. Ein Dorf in den 2010er Jahren. Allmählich fehlen im Dorf Menschen zwischen 20 und 50 Jahren und somit deren Kaufkraft. Die Arbeitswelt hat sich verändert. Strukturwandel, Spezialisierung und Konzentration in größeren Unternehmen statt in Kleinstbetrieben prägen die Gegenwart. Die neuen Formen der Arbeit finden sich nicht in den örtlichen Strukturen wieder, sondern gebündelt in Ballungszentren. Junge Frauen und Männer verlassen das Dorf, um in diesen Zentren zu arbeiten. Die Infrastruktur leidet. Der Tante-Emma-Laden und die Gaststätte schließen. Und schließlich auch die Apotheke, für die keine Nachfolge gefunden wird.

Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen

Immer mehr Schulabgänger und Berufsanfänger zieht es in die Städte. Ob Berlin, Hamburg oder Frankfurt am Main, die urbanen Zentren Deutschlands boomen. So wächst die Bevölkerung im Großraum München laut Prognosen des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln zwischen den Jahren 2012 und 2030 um 25 Prozent. Die Landkreise Mansfeld/ Südharz (Sachsen-Anhalt) und Elbe-Elster (Brandenburg) dagegen werden um 28 Prozent schrumpfen.

Dieses Bild zeigt sich auch bei Pharmazeuten. Angestellt zu sein in einer Apotheke, an einer Universität oder in der Industrie – dies ist für viele attraktiver als die eigene Apotheke in einem Dorf. Denn Selbstständigkeit ist mit einem finanziellen Risiko und häufig auch einer negativen Work-Life-Balance verbunden. Wenig Laufkundschaft und viele Nacht- und Notdienste machen das Apothekerleben auf dem Land zu einer Herausforderung. Doch wie soll die – alternde – Landbevölkerung künftig mit Arzneimitteln versorgt werden? Diese Frage beschäftigt Politik, Wissenschaft und Industrie seit Jahren. Einige Experten sehen den Versandhandel als Rettung. Vor-Ort-Apotheker möchten jedoch diesem nicht allein das Feld überlassen und entwickeln Modelle, wie „ihre“ Arzneimittel ihren Weg zu den Patienten in der Region finden können.

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Thomas Hanhart ist Landapotheker im 3.500-Einwohner-Ort Kaisersesch in der Eifel. Um die flächendeckende Versorgung durch die Vor-Ort-Apotheken zu stärken und zu sichern, haben Hanhart und weitere Apotheker-Kollegen aus der Region Hunsrück/Eifel/ Mosel ein Projekt ins Leben gerufen. Es soll ihre Botendienste aufwerten.

Temperaturkontrolle und GPS

„Unser Ziel war es, eine Systematik für den Botendienst zu entwickeln“, erläutert Hanhart. „Dabei ging es vor allem um die Temperaturkontrolle, insbesondere bei extremen Temperaturen.“ Die Apotheker-Gemeinschaft erwarb Thermoboxen, in denen Arzneimittel bei einer Temperatur von zwei bis acht Grad und bei Temperaturen unter 25 Grad aufbewahrt werden können. Kalibrierte Thermologger senden permanent Daten aus den Boxen an die Apotheken. „Einige Fahrzeuge werden auch mit GPS ausgestattet, damit wir immer wissen, wo sie sich gerade befinden“, sagt Hanhart. „Wenn dann ein Kunde anruft und fragt, wann die Lieferung bei ihm ist, können wir eine genaue Auskunft erteilen.“ Zudem fahren Apothekenmitarbeiter die Botendienstautos, was bei Rückfragen hilfreich ist. Temperaturkontrolle, Auskunft, Beratung – die Apotheker aus Rheinland-Pfalz wollen bei der Belieferung besser sein als die Versandapotheken. „Wir können die Bevölkerung versorgen, es gibt keine Lücken. Den Versand brauchen wir nicht“, fasst Hanhart zusammen. Und verweist auf weitere Angebote, die nur Apotheken vor Ort vorweisen können: Individualrezepturen, Nacht- und Notdienste.

Versender könnten unter Umständen zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz werden. „Leider nehmen die meisten Politiker die Bedrohung der Apotheke vor Ort durch Versandapotheken nicht unbedingt wahr“, so Hanhart. „Sie sagen: Es gibt genügend Apotheken, die Patienten sind zufrieden, der Versand ergänzt sinnvoll. Aber ganz so einfach ist es nicht.“ Vor-Ort-Apotheker wie Thomas Hanhart zeigen, dass mit ihnen auch in Zukunft auf dem Land zu rechnen sein wird. Das ist umso wichtiger, da Apotheken an Bedeutung gewinnen werden: Durch das steigende Alter der Bevölkerung steigt die Zahl der multimorbiden Patienten und der Chroniker. Für diese müssen sich Ärzte mehr Zeit nehmen. Um in Zeiten des Ärztemangels die notwendigen Kapazitäten zu haben, kommt den Apotheken eine wesentliche Lotsenfunktion zu: Sie können Patienten in Sachen Selbstmedikation helfen und ihnen, falls das Krankheitsbild dies erforderlich macht, einen Arztbesuch empfehlen. Der selbstbestimmte Patient der Zukunft würde also die Apotheke als erste Beratungsinstanz nutzen – und die Ärzte könnten sich auf die schwerwiegenderen Fälle konzentrieren.

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Berufsbild: Heilberufler statt Schubladenzieher

Der Apotheker als Lotse – das ist auch das Selbstverständnis von Pharmazeut Thomas Hanhart. „Wir als Apotheker sollten den Ärzten nicht ins Handwerk pfuschen“, sagt er. „Aber eine Beratung der Patienten im Erstkontakt – Was ist nun zu tun? Selbstmedikation oder Arztbesuch? – können wir vornehmen. Die Zusammenarbeit mit den Praxen muss Hand in Hand gehen. Wir können die Ärzte nicht ersetzen, aber entlasten.“ Denn Hanhart, Pharmazierat und Inhaber der Adler-Apotheke, sieht sich in erster Linie als Heilberufler. Seine Apotheke ist 150 Jahre alt und ein Familienbetrieb in vierter Generation. Die meisten Patienten sind Stammkunden aus Kaisersesch und Umgebung. Hanhart berät sie umfassend und versucht, individuell auf sie einzugehen. „Wir sind keine Schubladenzieher, sondern Arzneimittelexperten“, sagt er. Und warnt: „Aber man muss es sich auch leisten können, als Heilberufler zu agieren – und nicht auf Gedeih und Verderb auf den Verkauf aus zu sein.“

Daher trauen sich Apotheker prinzipiell weitere Aufgaben zu. Was in Zukunft noch zur Arbeit in der Offizin dazugehören könnte, ist ungewiss. Also etwa, ob Pharmazeuten dann auch impfen dürfen, wie zum Beispiel in Großbritannien oder einigen Kantonen der Schweiz, oder ob sie etwa Krankschreibungen ausstellen dürfen. „Die Apothekerschaft kann da mehr“, sagt Hanhart. „Ein gutes Beispiel ist die Entlassung der sogenannten ,Pille danach‘ aus der Verschreibungspflicht, das hat trotz aller Bedenken gut geklappt.“ Eine aktive Einarbeitung in neue Aufgabenbereiche sei dabei immer vorausgesetzt.

An guten Ideen gepaart mit Verantwortungsbewusstsein mangelt es Apothekern wie Hanhart also nicht. Für die Versorgung in Zeiten des demografischen Wandels ist das keine schlechte Nachricht.

Text: Katja Reich

Bildnachweis: © Godehard Juraschek/Bildschön

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