Arzneimittel im Alter: Wenn Details den Unterschied machen

Aus: Arzneimittelpunkt 01/18

Unsere Gesellschaft altert. Gerade ältere Menschen leiden unter verschiedenen Krankheiten und müssen oftmals mehrere Arzneimittel verteilt über den Tag einnehmen. Das stellt die Arzneimittelversorgung vor neue Aufgaben.

„Schönen guten Morgen, Herr Dobbertin!“ Fröhlich betritt Maren Kirschke das Zimmer und zieht die Vorhänge zurück. Draußen geht gerade die Sonne auf. Michael Dobbertin ist Bewohner im Sanatorium West der Familie Franke Seniorenresidenzen. Maren Kirschke ist als Pflegefachkraft für ihn verantwortlich. Sie fragt, wie es ihm geht, und reicht ihm einen kleinen Becher mit seinen Arzneimitteln. Sie holt ein Glas Wasser und will es ihm gerade reichen, da stockt sie. „Haben Sie die Kapsel jetzt einfach so geschluckt?“ Nicken. „Okay, trinken Sie trotzdem noch was hinterher.“

Mehr Alten- und Pflegeheime

Seit 2014 ist Dobbertin auf Betreuung in der Pflegeeinrichtung angewiesen. Pflegefachkraft Kirschke sorgt dafür, dass er alles bekommt, was er braucht, und seine Arzneimittel immer zur richtigen Zeit einnimmt. „Morgens sechs, abends zweieinhalb“, wie er selbst aufzählt. Nicht alle Bewohner haben das Glück, Tabletten problemlos einnehmen zu können. So etwa Hans-Joachim Weiser, der starke Schluckbeschwerden hat. Arzneimittel, die es nur als Tablette oder Kapsel gibt, kann er kaum noch nehmen.

Gut 13.500 Alten- und Pflegeheime wie das Sanatorium West gibt es deutschlandweit. Und ihre Zahl steigt. Zum Vergleich: 2007 waren es erst 11.000. Denn die Gesellschaft in Deutschland altert. 2030 wird ein Viertel der Bundesbürger 67 Jahre oder älter sein, 2060 bereits fast ein Drittel.

Die Alterung betrifft auch die Pflege: 2015 waren 2,9 Millionen Menschen pflegebedürftig, bis 2060 werden es nach Schätzungen des Demografieportals der Bundesregierung bereits 4,8 Millionen sein. Die Pflegeeinrichtungen stellen sich darauf ein. Durch ein wachsendes Angebot und – idealerweise – spezifische Fortbildungen. Denn es müssen immer mehr ältere Menschen mit Mehrfacherkrankungen versorgt werden. So betont Maria Krause, Pflegewissenschaftlerin beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe: „Die Versorgung älterer und zunehmend multimorbider Patienten fordert von den Pflegefachpersonen neben hohem Zeitaufwand ein umfassendes pflegerisches und medizinisches Wissen.“

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Medikamentengabe – ein großer Aufwand

Ein Thema, das im Alltag eine wichtige Rolle spielt, ist die Medikamentengabe. Denn was bei vielen Patienten in der Regel kein Problem darstellt, ist bei zunehmend älteren Heimbewohnern eine echte Hürde. Maria Krause: „Für körperlich eingeschränkte Pflegebedürftige zeigt sich die Schwierigkeit häufig im Richten der Medikamente. Das beginnt bei dem Erkennen, um welches Medikament es sich handelt. Aber auch das Öffnen von Tropfflaschen wird häufig als schwierig bis unmöglich erachtet.“

Das bestätigen auch die Mitarbeiter der Seniorenresidenz. Die meisten der Bewohner müssen täglich mehrere Arzneimittel einnehmen, bei vielen sind es etwa zehn. Und das in der Regel zu bestimmten Tageszeiten. Wichtige Unterstützung bei der Medikamentenstellung bietet eine Partner-Apotheke. Sie verblistert beispielsweise alle Arzneimittel für die Woche. Verblistern, das heißt, dass die Apotheke für jeden Bewohner der Residenz kleine Tütchen mit Arzneimitteln packt. Eigentlich liefern Arzneimittel-Hersteller die Tabletten bereits in Blisterverpackungen. Für ältere Patienten, die viele Arzneimittel nehmen, sind diese aber nicht immer geeignet oder es ist zu viel Aufwand, jede einzelne Tablette separat zu entnehmen. Deshalb werden sie nochmals patientenindividuell verblistert. Das war nicht immer so. Pflegefachkraft Ramona Schulz, langjährige Kollegin von Kirschke, hierzu: „Früher waren wir mehrere Stunden mit dem Stellen der Medikamente beschäftigt. Das nimmt uns die Apotheke heute ab, eine echte Erleichterung.“ Inzwischen müssen nur noch wenige Arzneimittel von den Pflegekräften zusätzlich verteilt werden – etwa besonders lichtempfindliche Wirkstoffe oder rezeptfreie Medikamente, die sich die Bewohner oder ihre Angehörigen selbst in der Apotheke besorgen. Damit keine Fehler passieren, steht auf jedem Blister-Tütchen, welche Arzneimittel es enthält und wie diese aussehen. Donepezil ist die kleine gelbe Tablette, Metamizol die rote Kapsel. Zusätzlich kontrolliert das Pflegepersonal mehrfach, etwa bevor die Medikamente in den Arzneimittelschrank kommen und insbesondere, wenn die Arzneien in Bechern an die Bewohner abgegeben werden.

Ältere Patienten leiden oftmals unter Schluckstörungen

Korrekt abgeben heißt aber noch lange nicht, dass die Arzneimittel auch eingenommen werden. „Schwierig ist es zum Beispiel, wenn Bewohner nicht mehr gut schlucken können. Es gibt viele Medikamente, die recht groß sind. Die bleiben ja selbst uns jüngeren Menschen schon manchmal im Hals stecken“, erläutert Schulz.

Gut die Hälfte aller Altenheimbewohner leidet unter Schluckstörungen. Die Tabletteneinnahme bereitet ihnen große Probleme, sie verschlucken sich leicht oder bekommen einen Würgereiz. Für die Versorgung ist das ein echtes Problem, denn oft versuchen die Patienten deswegen teilweise auf die Einnahme von Medikamenten zu verzichten.

Aber nicht immer liegt der Verweigerung eine körperliche Beeinträchtigung zugrunde. „Manche Bewohner spucken Tabletten auch wieder aus, weil sie sie für einen Krümel oder einen Apfelkern oder Ähnliches halten“, erzählt Schulz. „Gerade bei an Demenz erkrankten Bewohnern ist das ein Problem. Es ist nicht so, dass sie nicht wollen, sondern es kognitiv nicht mehr umsetzen können.“ Die Lösung sind andere Darreichungsformen wie Tropfen oder Säfte.

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Viele Tabletten müssen gemörsert werden

Dr. Alina Enache ist die fest angestellte Hausärztin im Sanatorium West. Sie ist Expertin darin, bei Bedarf andere Arzneimittel mit dem gleichen Wirkstoff
– dafür aber in einer anderen Darreichungsform – zu finden. Enache erklärt: „Viele Wirkstoffe gibt es heute zusätzlich auch als Tropfen, Zäpfchen oder Spritzen. Auch Sprays gibt es für manche Indikationen.“ Dabei existieren längst nicht für jedes Medikament verschiedene Darreichungsformen. Immer noch müssen viele Tabletten zerteilt oder gemörsert werden, um sie etwa unter das Essen zu mischen. Das kostet Zeit.

Neue Entwicklungen von alternativen Darreichungsformen kommen in der Regel von Arzneimittel-Herstellern. Sie stellen sich zunehmend auf die älteren Patienten ein. So etwa die Dr. R. Pfleger GmbH. Das mittelständische Unternehmen aus Bamberg ist auf die Bereiche Urologie, Dermatologie und Gynäkologie spezialisiert und entwickelt Arzneimittel zur Behandlung von Krankheiten, die vor allem im höheren Alter auftreten, etwa Harninkontinenz. Dr. Ulrich Schwantes, im Unternehmen zuständig für die Forschung, führt aus: „Wir erforschen seit einigen Jahren systematisch neue Therapiemöglichkeiten für ältere Patienten. Dabei stehen beispielsweise altersgerechte Applikationsformen im Fokus.“

Auch die Politik beginnt, das Thema ernst zu nehmen – wenn auch mit Zurückhaltung. Schwantes: „Es bewegt sich etwas. So hat etwa die Europäische Arzneimittelbehörde 2017 ein Reflection Paper herausgegeben. Dort listet sie mehrere Faktoren auf, die ausschlaggebend sind, damit ein Arzneimittel tatsächlich altersgerecht ist.“

Neue Darreichungsformen werden nicht erstattet

Die Entwicklung steht indes am Anfang. Gerade in Deutschland gibt es noch einiges zu tun. Schwantes: „Das Erstattungssystem in Deutschland hemmt die Entwicklung von altersgerechten Arzneimitteln. So werden zum Beispiel Anwendungsoptimierungen, wie Dosier- oder Entnahmehilfen, derzeit nicht erstattet. Teure klinische Forschungen, um bekannte Wirkstoffe für die Anwendung bei älteren Menschen weiterzuentwickeln, lohnen sich daher häufig einfach nicht. Und dann gibt es noch den Austauschzwang im Rahmen von Rabattverträgen. Er verhindert eine Abgabe von altersgerechten Präparaten. Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen fordern Ärzte beständig auf, möglichst wenige Rezepte mit einem „Aut idem“-Kreuz zu versehen und somit von einem Austausch auszunehmen. In Rheinland-Pfalz beispielsweise existiert eine „Aut idem“-Quote, die Ärzten bei Überschreitung mit Regress droht. Hier müssten flexiblere Lösungsansätze gefunden werden, um die Entwicklung von Arzneimitteln für Ältere durch pharmazeutische Unternehmen im gewünschten Ausmaß zu ermöglichen.“

Gerade für Ältere sind Kombipräparate wichtig

Schulz betritt das Zimmer der Bewohnerin Erna Linde, grüßt und reicht einen Becher mit zwei Tabletten. Die Bewohnerin spült sie mit einem kräftigen Schluck Wasser hinunter. „Zwei Tabletten, das ist schon echt eine Erleichterung für mich“, sagt sie. „Als ich noch zu Hause gewohnt habe, waren es fünf. Das hat man hier jetzt geändert.“ Linde leidet an Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Arthrose. Nach ihrer Aufnahme in das Pflegeheim hatte Enache ihren Medikationsplan überprüft und einige Arzneimittel durch ein sogenanntes Kombipräparat ersetzt. Kombipräparate enthalten verschiedene Wirkstoffe in einem Arzneimittel, sodass Patienten insgesamt weniger Tabletten einnehmen müssen. Auch hier gilt allerdings, was Unternehmer Schwantes bemängelt: Diesem Vorteil wird in der Erstattung der gesetzlichen Krankenversicherung nicht genügend Rechnung getragen, obwohl die Lebensqualität der älteren Patienten dadurch verbessert wird.

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Dabei gewinnen Kombipräparate an Bedeutung. Denn mit zunehmendem Lebensalter erhöht sich das Risiko, an mehreren Krankheiten gleichzeitig zu leiden. Im Fachjargon heißt das Multimorbidität. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts geht davon aus, dass rund 80 Prozent der Frauen ab 75 Jahren an zwei oder mehr chronischen Erkrankungen leiden. Bei Männern ist der Anteil etwas niedriger. Knapp 35 Prozent der Frauen und 26 Prozent der Männer ab 75 Jahren leiden sogar an fünf und mehr Erkrankungen gleichzeitig.

Patienten profitieren von neuen Darreichungsformen

Schulz setzt ihre tägliche Runde fort. Ein freundlicher, älterer Herr wartet in seinem Zimmer schon auf ihren Besuch. Heute wechselt Schulz sein Schmerzpflaster. Das Pflaster ist wenige Zentimeter groß und klebt auf seiner Brust. Es bleibt mehrere Tage auf der Haut des Bewohners und gibt hochdosiert sowie ohne Unterbrechung ein Schmerzmittel ab. Würde es kein Pflaster geben, müssten Tabletten oder Spritzen verabreicht werden – für die Patienten eine erhebliche Belastung. „Die Schmerzpflaster waren wirklich ein Quantensprung. Früher haben wir sehr viel mehr Spritzen verabreicht. Die Pflaster gibt es sogar als Ersatz für Morphiumspritzen. Es gibt sie auch in unterschiedlichen Dosierungen, sodass man wirklich individuell auf die Bewohner und ihre Bedürfnisse eingehen kann“, erläutert Enache.

So sind sich die Mitarbeiter der Seniorenresidenz einig: In einigen Bereichen hat sich die Versorgung mit Arzneimitteln in den letzten Jahrzehnten etwas verbessert. Vor allem bei rezeptfreien Arzneimitteln gibt es eine Auswahl an unterschiedlichen Darreichungsformen. Doch klar ist auch: Bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln hat sich hinsichtlich der Auswahl der Darreichungsformen wenig getan. Eine mögliche Erklärung ist, dass gesetzgeberische Hürden wie Festbeträge und fehlende Erstattung patientenrelevante Weiterentwicklungen wie neue Darreichungsformen ausbremsen.

Dabei könnten Patienten von neuen Darreichungsformen enorm profitieren. Schulz verweist etwa auf den Wirkstoff Metformin, der lange Zeit nur als Tablette erhältlich war, die nicht aufgelöst werden durfte. Heute gibt es den Wirkstoff auch als Lösung. Auch bei Wirkstoffen wie Novaminsulfon sind Verbesserungen zu verzeichnen, die die Arbeit der Pfleger deutlich erleichtern. „Früher mussten wir oft minutenlang auf die Fläschchen draufhauen, ehe was rauskam. Und dann kamen anstatt einem auf einmal drei Tropfen. Das ist heute deutlich besser – da hat sich der Arzneimittel-Hersteller was Gutes einfallen lassen“, erzählt Pflegekraft Schulz.

Davon profitiert auch Weiser, der Bewohner mit den starken Schluckbeschwerden. Er nimmt Novaminsulfon gegen seine chronischen Schmerzen. Seit es den Wirkstoff auch als Tropfen gibt, ist es für ihn deutlich leichter geworden.

Text: KK

Inhalte der Grafik: Demografieportal des Bundes und der Länder

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